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The Godfather

Wer hat das Computerzeitalter erfunden? Falsch, nicht Bill Gates, sondern ein Mann namens Vannevar Bush. Sie haben wahrscheinlich noch nie etwas von ihm gehört.

Von G. Pascal Zachary
Übersetzung Reinhard Gantar

Vannevar Bush wäre ein guter Name für mehr als eine Quizfrage. Dreht man bei einem beliebigen Aspekt der Informationstechnologie die Uhr zurück - von der Geburt von Silicon Valley und der Hochzeit von Wissenschaft und Militär bis zum World Wide Web - man stößt immer wieder auf seine Fußspuren im Sand. Wie der Historiker Michael Sherry schon gesagt hat: "Um die Welt von Bill Gates und Bill Clinton zu verstehen, muß man zuerst Vannevar Bush verstehen."

Bushs beste Jahre - er wurde 1890 geboren - kamen, bevor aus Dozenten Milliardäre wurden und bevor Venture-Kapitalisten zu Duzfreunden des Präsidenten wurden. Er ist heute fast völlig vergessen, aber im Prinzip hat er die Welt, wie wir sie heute kennen, erfunden. Weniger die Dinge, die sie bevölkern, sondern mehr unser Verständnis von Innovation, was sie bedeutet, und warum sie überhaupt stattfindet.

Bushs Anfänge waren bescheiden. In den 30ern war er Dozent für Elektrotechnik am MIT und baute die damals mächtigsten Computersysteme: gewaltige mechanische Apparate, die man tagelang auf eine einzige Problemstellung vorbereiten mußte. Als diese kuriosen Monster dann in den 40ern durch digitale Monster verdrängt wurden, träumte Bush von einer revolutionären persönlichen Informationsmaschine, die nicht nur alles Wissen der Menschheit speichern und wieder auffinden könnte, sondern auch den persönlichen Erfahrungsschatz des Besitzers.

Dieses Gerät, das sowohl den PC als auch das WWW vorweg nahm, war nur einer von Bushs vielen inzwischen klassisch gewordenen Beiträgen. Während der frühen 40er Jahre leitete er im Auftrag des damaligen Präsidenten Roosevelt den Bau der ersten Atombombe und wurde damit zum Vorbild aller großen wissenschaftlichen Projekte wie der Entwicklung der Wasserstoffbombe, des Wettlaufs zum Mond und des SDI-Projekts der Reagan-Epoche. Er gründete die National Science Foundation und die Advanced Research Projects Agency, die eine Vormachtstellung Amerikas im vordersten Pionierland der Technologie garantieren sollte, durch Kanalisierung und Vergabe staatlicher Mittel.

Bush war auch unter den ersten, die die Bedeutung von Venture Capital erkannten und die Rolle risikobereiter Investoren, die das Wissen von Top-Universitäten zur Gründung ganzer Industriezweige verwerten, und, als Konsequenz die sklerotischen Oligarchien planieren sollten, die Amerika von der Jahrhundertwende bis 1980 beherrschten. Am MIT begann er Partnerschaften für Forschung und Entwicklung mit lokalen Firmen zu schmieden und wurde später Mitbegründer von Raytheon, die damals als ein Hersteller von Radioröhren begann und die heute ein Schwergewicht in der Rüstungselektronik ist.

Und während er so das Fundament für den berühmten High-Tech-Korridor entlang der Route 128 in der Nähe von Boston legte, lieferte er einen noch wichtigeren Beitrag zur Industriegeschichte unseres Jahrhunderts: er half mit, Silicon Valley zu gründen. Bush war es, der einem seiner Absolventen, Frederick Terman, seine Überzeugung einimpfte, daß die regionalen Ökonomien eines Tages von einem eigentümlichen Mix aus Risikokapital, nervenstarken Unternehmern und akademisch gebildeten Visionären abhängen würden. Nach dem zweiten Weltkrieg ging Terman nach Stanford und war später ausschlaggebend bei der Choreographie der Partnerschaften zwischen universitären und industriellen Forschungsstätten, die die größte Konzentration von High-Tech-Power der Welt hervorbrachte.

Wenn Bushs historischer Einfluß heute auch vergessen oder mißverstanden ist, so sind es seine technischen Geistesblitze nicht. Sogar noch vor seinem Tod 1974 wurde er von den damals führenden Experten als der Gründervater des Informationszeitalters gesehen, als ein begnadeter Prophet einer Zukunft, die aus Computern und elektronischen Netzwerken gemacht ist.

Doug Engelbart, der Erfinder der Maus und einer der Hebammen des ARPAnets, des Vorläufers des Internet, würdigt Bush als den Mann, der ihn auf das Potential der Computer als Manager von Information über das bloße Verdauen von Berechnungen hinaus aufmerksam gemacht hat. Für Engelbart und eine Legion von anderen Ingenieuren ist Bushs Artikel "As We May Think" (Wie wir denken könnten-Anm.d.Ü), erschienen 1945 im Atlantic Monthly, ein philosophisches Manifest und eine Grundsatzerklärung. "Das ist unsere Bibel", sagt der in San Francisco beheimatete Softwaredesigner Z. Smith, der vor einem Jahrzehnt als frisch gefangener Ingenieur am Xerox PARC eine Kopie davon in die Hände bekam.

"As We May Think" beschreibt ein Gerät - Bush nannte es einen "Memex" - das dazu gedacht war, das damals neue Problem der Informationsspringflut durch Unterstützung des menschlichen Gedächtnisses einzudämmen. Bush stellte es sich als eine universelle Bibliothek vor, auf der Grundlage von Mikrofilmen, die gigantische Textmengen auf einen einzigen Schreibtisch packen sollte. Der Memex zeigt eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem modernen PC und hatte den zusätzlichen Vorteil, daß der Besitzer Informationsschnipsel, die bis dahin nichts miteinander zu tun hatten, nach Belieben verbinden konnte und so den Prozeß des Wiederauffindens von individuell gestalteten Assoziationen automatisierte. Diese Assoziationen, oder "Pfade", konnte man dann mit anderen Memexbesitzern austauschen oder teilen. Bush sah sogar vor, daß diese Pfade von Eltern an ihre Kinder vererbt werden konnten und so ihren Schöpfern so etwas wie Unsterblichkeit gaben.

Die Geburt des PCs Mitte der 70er Jahre brachte Bush neue Aufmerksamkeit. Softwaredesigner machten dort weiter, wo Bush aufhören mußte. Ted Nelson, der die Idee der Pfade als "Hypertext" populär machte, dankte Bush für die Inspiration. Die Verbreitung des Internet zementierte Bushs Ruf als Prophet der Cyberkultur. Einige Verehrer meinen sogar, daß "As We May Think" die geistige Saat war, aus der das World Wide Web hervorgegangen ist.

Dieser Einfluß hält bis heute an. "Bushs Vision hat extrem große Bedeutung", meint auch Andries van Dam, Dozent für Informatik an der Brown University. "Und der Kern der Vision ist noch nicht Wirklichkeit geworden. Es ist noch zu früh, um zu erklären, 'Alles klar, ist gegessen.'" Verglichen mit Bushs Ideal, so van Dam, "ist das WWW erst in einem embryonalen Stadium. Die Abfragemechanismen zum Beispiel sind unglaublich primitiv, fast ekelerregend. Bush sprach von einem Verstärker des menschlichen Geistes. So weit sind wir noch nicht. Sogar die Suchmaschinen am Web machen alles durch einen breitbandigen Schrotflinten-Ansatz, nicht durch Finden von persönlichen Links, die vom Benutzer gestaltet wurden. Das ist der Grund, aus dem man so zugemüllt wird."

Das Wiederauffinden von nützlicher Information unter all dem Müll ist im Augenblick ein gewaltiges technisches Problem. "Wir ertrinken in einer Flut von Information", erklärte Interactions, das Journal der Association for Computing Machinery, in einem Tribut an Vannevar Bush, "während nur ganz wenige Kostbarkeiten in trinkbarer Form vorliegen. Bush wußte, daß ein globales Informationsnetzwerk ein Problem lösen kann, daß 1945 noch nicht einmal richtig exisitierte. Wir sind gerade dabei zu lernen, wie." Einige ehrgeizige Projekte, die das Chaos des WWW bändigen sollen, berufen sich erklärterweise auf Bush. Bei Twisted Systems, Inc. in Providence, Rhode Island, entwickelt Gregory Lloyd ein neuartiges Verfahren, um die Verbindungen zwischen Websites für den Benutzer zu speichern. "Es gibt Webtools, die Lesezeichen verwalten, die helfen, bestimmte Orte wieder zu finden", erklärt Lloyd, "Lesezeichen sind kein schlechter Anfang, aber ab einer gewissen Menge wird die Verwaltung ein Problem. Sie können dann zu einem wertlosen Haufen Müll werden, und das war bestimmt nicht, was Bush wollte." Lloyd hält sich sehr bedeckt über seine Arbeit und Ansätze, aber sagt geradeweg, er baue "einen Memex, den heiligen Gral."

Alexa Internet, eine Firma in San Francisco, verfolgt ähnliche Ziele. "Was wir machen, ist ganz klar auf Bushs Linie", sagt der Gründer Brewster Kahle. Die Kerntechnologie der Firma ist ein Navigationsmechanismus, der dem Benutzer darüber Aufschluß gibt, wo am Web er sich befindet und wohin er vermutlich gehen wird. Darüber hinaus bietet er vorgefertigte Pfade durch ausgewählte Sachgebiete an. Ein weiteres Bushsches Leistungsmerkmal ist in Vorbereitung: archivierte Kommentare, die von früheren Wanderern auf einem bestimmten Pfad gemacht wurden. "Bushs großartige Erkenntnis war, daß der Wert der Verknüpfungen von Information größer sein kann als der der Information selbst", sagt Kahle.

Bush ist ein unwahrscheinlicher Vorfahr des anarchistischen Netzbewohners. Er war ernsthaft und konservativ, er war für die Schaffung höchst zentralisierter Technologien verantwortlich, gegen die später die Computergläubigen rebellierten. Als ein Nachkomme von wetterfesten Seefahrern und Walfängern und als berufener Elektrotechniker war er vom Schlag der ausgeprägt amerikanischen "Wir machen das"-Ingenieure, einer Linie, die mit Benjamin Franklin begann und über Eli Whitney, Thomas Edison, die Gebrüder Wright zu Steve Wozniak und sogar Bill Gates führt, einer glorreichen Tradition der Hacker und Erfinder.

Politisch war Bush einflußreicher als irgendjemand sonst aus dieser illustren Gesellschaft, abgesehen von Benjamin Franklin (Wir werden sehen, was noch aus Bill Gates wird). Während des zweiten Weltkriegs, als England am Rande der Niederlage herumdümpelte, begann im damals populären Magazin Colliers ein Artikel über Bush mit den Worten "Lernen Sie den Mann kennen, der den Krieg entscheiden könnte." Bushs Erscheinung war wie geschaffen für Auftritte zur Aufrichtung der Moral der Öffentlichkeit. Man stellte ihn als volkstümlichen Amerikaner dar, dessen Witz und Verstand einen Vergleich mit dem Humoristen Will Rogers herausforderte. Als ich aber nach und nach mehr über ihn herausfand - durch Stöbern in muffigen Archiven in ganz Amerika, Lesen von alten Zeitungsartikel und Interviews mit Leuten, die ihn gekannt haben - begann Bush mehr und mehr an den rauchenden Unbekannten in der Akte X zu erinnern - eine undurchsichtige Figur in einem verdunkelten Zimmer, umgeben von fast unsichtbaren Befehlsempfängern, die hinter den Kulissen die Fäden zieht, an denen Mulder und Scully und jeder andere hängen.

Bush arbeitete ebenfalls ununterbrochen an einer undurchdringlichen Rauchwolke, nicht nur der aus seiner Pfeife, seiner ständigen Begleiterin. Geheimhaltung war sein zweiter Vorname. Bevor er begann, im Auftrag der Militärs Wissenschafter und Ingenieure zu organisieren, war die meiste Forschung auf dem Gebiet der Hochtechnologie offen zugänglich. Im Namen der nationalen Sicherheit änderte sich das schlagartig - für die nächsten paar Jahrzehnte war fast gar nichts mehr offen zugänglich. Während des Krieges schien Bush überall und nirgends gleichzeitig zu sein. Er war das Phantom mit dem hohen IQ.

Als einziger Sohn eines Predigers der Unitarierkirche wuchs Bush im Arbeiterbezirk Chelsea auf, in der Nähe von Boston. In der Schule war er ein As in Mathematik und besuchte nachher die nahe gelegene Tufts University, wo er eine der ersten Radiosendungen machte. Er machte seinen Doktor am MIT und blieb dann dort, um die zimmergroßen Differential Analyzers zu bauen - die elektromechanischen Vorläufer der heutigen Computer. Sie konnten die genauen Stromverläufe in Versorgungsnetzen simulieren, Geschoßbahnen berechnen und andere komplexe Operationen durchführen. Als sich der zweite Weltkrieg abzuzeichnen begann, entwarf er Maschinen, die Codes knacken konnten - im Auftrag der ultrageheimen Marineabteilung OP-20-G, einem Vorläufer der heutigen National Security Agency.

Bushs Sprung ins Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit kam nach Pearl Harbor, als Präsident Roosevelt ihn zum Direktor des Office of Scientific Research and Development (OSRD) ernannte, einer Agentur, die unmittelbar dem Weißen Haus unterstellt war. Als Roosevelts oberster Berater für Rüstungstechnologie leitete Bush das Manhattan Project für den Bau der ersten Atombombe und heuerte 6000 zivile Wissenschafter aus ganz Amerika an, die auf Werksvertragsbasis an der neuen Waffe arbeiteten. Er und der Präsident persönlich trafen die Entscheidung, sich unter Aufbietung alles Menschen möglichen auf den Bau der Atombombe zu konzentrieren. Er leitete auch die Entwicklung einer Vielzahl von äußerst wirkungsvollen, aber weniger bekannten Rüstungstechnologien, wie die des Radars und des Berührungszünders. Eines von Bushs Privatprojekten war ein superdurchschlagskräftiger Langbogen, vorgesehen für den Gebrauch des europäischen Widerstandes gegen die Nazis. Als Amateurbogenschütze gefiel es ihm, dieses Jahrhunderte alte Kriegsgerät, das vom Verwender Geschick und Chuzpe verlangt, nach eigenen Vorstellungen zu verbessern - als eine Erinnerung daran, daß es sogar in der Epoche des unpersönlichen, augenblicklichen Todes durch einen flächendeckenden Luftangriff oder Atombombenexplosion einem Individuum noch möglich ist, etwas zu bewirken.

Bush kannte sich auch mit Spionage aus. Er gründete eine ultrageheime Forschungsgruppe innerhalb der OSRD, die Spezialwaffen für das Office of Strategic Services, einem Vorläufer der CIA, bauen sollte. Eine zweifelhafte Produktlinie beinhaltete bewußtseinsverändernde Drogen, die einem feindlichen Agenten in den Drink gemixt werden konnten.

Als der Sieg der Alliierten über Deutschland und Japan sich als sichere Sache abzeichnete, dachte Bush unentwegt darüber nach, wie er Wissenschaft und Forschung zu friedlichen Zwecken organisieren konnte. In "The Endless Frontier" (Pionierland ohne Grenzen, Anm. d. Ü.), ein Bericht aus dem Jahr 1945 an Präsident Truman, präsentierte er einen Plan für ein System von Regierungsförderungen für zivile Forschung als feste Einrichtung, die später, zu ihrer Blütezeit, zig Milliarden Dollar pro Jahr in Forschung und Entwicklung pumpen sollte. Bushs Pläne führten geradewegs zu den zwei Kronjuwelen dieses staatlich geförderten Innovationsimperiums: die National Science Foundation, die Gelder an Universitätsdozenten vergibt, und die Advanced Research Project Agency, der Forschungseinrichtung des Pentagon. "Bush ist der Architekt dieses ganzen Systems der Regierungsförderung für Forschung und Entwicklung", meint Paul Ceruzzi, ein Curator des Smithsonian Instituts. "Heute glaubt jeder, daß alle diese Innovationen und Erfindungen die Geistesblitze einiger Wunderkinder sind, was aber außer Acht läßt, daß diese Wunderkinder eine fördernde Umgebung brauchten. Diese Umgebung kam von Bush. Er sagte: 'Gebt diesen Leuten Geld, laßt sie ihre Spielsachen basteln, und sie werden Resultate bringen.'"

Aber Bush wollte auch dem alle Rahmen sprengenden Erfinder helfen, dem besessenen Denker, der am besten alleine arbeitet. Trotz seiner langen Beschäftigung bei mächtigen Institutionen, widerstrebten Bush persönlich Bürokratien und ihr erstickendes Regelwerk. Er zog eine frühe Version der goldenen Regel Silicon Valleys vor: Erst handeln, dann fragen. "Meine ganze Philosophie in dieser Angelegenheit ist sehr einfach", sagte er einmal. "Wenn ich irgendwelche Zweifel darüber habe, ob ich eine Sache tun darf oder nicht, tue ich es einfach. Wenn jemand Einspruch erhebt, höre ich eben wieder auf damit."

Tatsächlich war es so, daß Bush, sogar als er mithalf, die großen Mammutorganisationen aufzubauen, die das Nachkriegsamerika dominierten, versuchte, die Mauschelei unter den einzelnen Regierungsagenturen einzudämmen. Er liquidierte die OSRD sogar noch vor Kriegsende. Bis in die 50er klagte er häufig über den Wildwuchs überlappender Forschungsprojekte der einzelnen Abteilungen der Armee und die Tendenz großer Unternehmen, der Innovation Knüppel vor die Beine zu werfen, wo immer es geht. Als abschreckende Beispiele mußten immer wieder IBM und General Motors herhalten, an denen er seinen liebsten Sager über die amerikanische Großindustrie demonstrierte: "In der Masse ergeben wir nicht viel Sinn."

Der Kult der Größe stand im Widerspruch zu Bushs geliebter Vorstellung von der Macht des Einzelnen und drohte, den vielen kleinen Rädchen im Getriebe zu viel Bedeutung beizumessen. "Das Individuum ist für mich alles", schrieb er einmal, "ich würde es so wenig wie möglich einschränken."

Aber wie konnte das Individuum seine Freiheit zur abweichenden Ansicht und eigenem Schaffen behalten, wenn rundherum angepaßte Männer in grauen Flanellanzügen durch eine orthodoxe Parteilinie regierten? Um diese Frage zu beantworten, skizzierte Bush, was wir heute im Personal Computer und dem World Wide Web wiedererkennen.

In seinem Aufsatz "As We May Think", nur wenige Wochen vor dem Trinity Atombombentest in der Wüste von New Mexico geschrieben, entwirft Bush eine Technologie, die "den Menschen Zugriff und Kontrolle über das Vermächtnis der Erkenntnis aller Epochen gibt." Bush stellte sich die Memexmaschine als Gerät auf dem Schreibtisch vor, mit Bildschirmen, einer Tastatur und einer Anordnung von Knöpfen und Hebel. Gedrucktes und geschriebenes Material, auch persönliche Notizen, würde auf Mikrofilm gespeichert und durch einen "Selektor" augenblicklich wiedergefunden und am Bildschirm angezeigt werden können.

Bushs Beschreibung von der Benutzung eines Memex erinnert vage an die des heutigen Internet:

"Angenommen, der Benutzer des Memex interessiert sich für den Ursprung und Eigenschaften von Pfeil und Bogen. Er hat Dutzende von einschlägigen Büchern in seinem Memex gespeichert. Zuerst geht er eine Enzyklopädie durch, findet einen interessanten, aber unzureichenden Artikel, läßt ihn aber weiterhin auf den Bildschirm projizieren. Als nächstes findet er einen weiteren nützlichen Beitrag und stellt eine Verbindung zwischen den beiden her. So geht er weiter, und bildet einen Pfad von vielen Artikel. Gelegentlich fügt er einen eigenen Kommentar ein und verbindet ihn mit dem Hauptpfad oder fügt ihn an einem Nebenpfad eines bestimmten Beitrags an. Sobald offensichtlich wird, daß die elastischen Eigenschaften der verfügbaren Materialien sehr viel Einfluß auf die Qualität des Bogens nehmen, verzweigt er auf einen Nebenpfad, der ihn durch Standardwerke über Elastizität und Tabellen von physikalischen Eigenschaften verschiedener Stoffe führt. Er fügt eine Seite eigener Überlegungen hinzu. So legt er einen Pfad nach eigenem Interesse durch das Labyrinth von Unterlagen, das ihm zur Verfügung steht."

Der ganze Prozeß des Verbindens von Information aus verschiedenen Datenquellen ist archivierbar und kann mit anderen Memexbesitzern geteilt und getauscht werden. Bush dachte sogar an derartige Produkte - beispielsweise ausgefeilte Pfade durch diverse Datenbanken, die man kaufen und in den eigenen Memex einspeisen konnte. Er konnte auch einen neuen Beruf absehen: Profis, die, ähnlich den heutigen Webdesignern oder Autoren von Data Mining-Software, "ihre Freude am Bau von Straßen durch die enorme Masse an Unterlagen haben."

Bush kam niemals auch nur in die Nähe eines funktionierenden Memex. Er zeigte wenig Würdigung für das Potential von Software, und seine bevorzugten Mikrofilmbetrachter konnten nicht mit der für die Speicherung und Indizierung notwendigen Geschwindigkeit operieren. Den Materialien seiner Tage ausgeliefert, konnte Bush nicht im Traum daran denken, daß es der Mikroprozessor, nicht der Mikrofilm sein würde, der den PC möglich machen sollte. Er war natürlich nicht der erste Computervisionär, der an der praktischen Durchführung scheiterte - diese Tradition reicht zurück bis Charles Babbage ins 19. Jahrhundert.

"Die Menschen, die ein Problem erkennen, haben nicht immer die Gabe, es zu lösen", meint Howard Rheingold, dessen Buch "Tools for Thought" (Werkzeuge des Geistes, Anm. d. Ü.) die bunte Frühgeschichte der Computer beleuchtet.

Beim Erkennen der zentralen Problemstellungen leistete Bush wahrscheinlich mehr als bei der eigentlichen praktischen Umsetzung. Er klärte die einfachen Leute über die Vorzüge des automatisierten Denkens auf. Er sah einen Massenmarkt für mechanische Gedächtnisverstärker zu einer Zeit voraus, als noch Computer so groß wie Tennishallen gebaut wurden und der Bedarf für ganz Amerika auf eine Handvoll Exemplare geschätzt wurde. Als einziger unter den Computerpionieren erkannte er, daß die Interaktion zwischen Mensch und Maschine - die Benutzerschnittstelle - der wichtigste und aufregendste Teil der Informatik sein würde.

Bis zu seinem Tod dachte Bush über die Möglichkeiten des Memex nach. Er befand seine mythische Maschine aus drei Gründen für bedeutsam.

Zum einen würde der Memex die Informationsflut weitgehend reduzieren, die sogar schon im Nachkriegsamerika langsam zu einer ernsten Bedrohung für schöpferisches Denken wurde. In Worten, die direkt von einem frustrierten Websurfer stammen könnten, schrieb Bush anläßlich des zehnjährigen Jubiläums von "As We May Think": "Unsere Bibliotheken sind bis zum Überquellen gefüllt und ihr Wachstum ist exponentiell. Trotzdem suchen wir unsere Information in dieser gigantischen und ununterbrochen zunehmenden Halde von Wissen durch Methoden, die an durch Pferde gezogene Wagen erinnern. Als Folge davon gibt es oftmalige Wiederholung und vielfachen Aufwand in der Forschung. Wir werden von unserer eigenen Schöpfung erdrückt. Während wir mit größter Sorgfalt die Arbeit Tausender fähiger und eifriger Menschen aufzeichnen, die für andere bedeutungsvoll und zeitlos ist, ist ein großer und größer werdender Teil ihres Werkes für alle praktischen Zwecke verloren - aus dem einfachen Grund, daß wir nicht wissen, wie man nutzbringende Information wieder auffinden kann, wenn sie einmal der gewaltigen Masse einverleibt wurde."

Der zweite Grund ist, daß Bushs Memex alle persönlichen Gedanken oder "assoziative Pfade", wie er es nannte, aufzeichnen würde. "Die persönliche Maschine", schrieb er 1965, würde "eine neue Form von Erbe" ermöglichen, kein Erbgut in genetischem Sinne, sondern vererbbares Gedankengut. "Der Sohn würde vom Vater die Pfade vermacht bekommen, denen sein Vater folgte, als sein Geist heranreifte und die Kommentare und Kritik dessen Vaters, der ihn entlang des Weges begleitete. Der Sohn wird diejenigen herausklauben, die er für nützlich hält, mit seinen Kollegen tauschen und für die nächste Generation weiter verfeinern." Der Computer versprach also ein gewisses Maß an Unsterblichkeit und Erlösung von der Vergänglichkeit. "Ein Mensch wird nicht aufhören, sich zu erinnern, nur weil er alt wird."

Schließlich würde der Memex eine Gattung von Denkwerkzeugen hervorbringen, die eines Tages ein Mensch und Maschine gemeinsames Bewußtsein ermöglichen würde. 1959 beschrieb Bush einen Geisteskraftverstärker, der nicht durch eine Tastatur, ja nicht einmal durch die menschliche Stimme gesteuert werden sollte . Das Gerät würde, in Verbindung mit einem Memex, "die Gehirnaktivität begreifen, ohne mit ihr zu interferieren."

Obwohl Bushs Voraussagen gelegentlich in der breiten Öffentlichkeit für Aufregung sorgten, wurden sie von der Priesterschaft der immer schnelleren, zentralisierten Großrechner jahrzehntelang ignoriert. Bis weit in die 80er kümmerten sich die Erbauer der schweren Eisen kaum um die Unterstützung des Individuums bei der Verarbeitung von Information; ihr Ziel war der Betrieb großer militärischer und industrieller Systeme. Egal, ob es um die Verfolgung herannahender Atomraketen oder die Buchung von Aufträgen ging, die Menschen hatten sich an die Arbeitsweise der Maschine anzupassen. "Nicht biegen, falten oder einreißen" - die Instruktionen auf den Lochkarten waren die perfekte Metapher dafür.

Trotz ihrer großen Macht kam diese Priesterschaft während der 60er Jahre unter Beschuß. Eine neue Generation von Informatikern, die von der Rebellion der Gegenkultur anderer Aspekte amerikanischen Lebens imprägniert war, wollte Computer bauen, die dem Menschen angepaßt waren statt umgekehrt.

Auf der Suche nach einer Integrationsfigur, die ihre Ansätze rechtfertigen konnte, fanden sie Bush und folgten seinem Pfad. Doug Engelbart, aufrichtig begeistert von Bushs Fähigkeit, Computer als individuelle Werkzeuge des Geistes zu sehen, beschrieb Bush öffentlich als seinen geistigen Vater. J. C. R. Licklider, ein weiterer einflußreicher Designer alternativer Computersysteme, wies stolz auf die Gemeinsamkeiten zwischen Bushs Vision von der maschinell verstärkten Verstandeskraft und seiner eigenen Arbeit auf dem Gebiet der Computergraphik hin, und das zu einer Zeit als herkömmliche Computer nur Text anzeigen und verstehen konnten. In der Einleitung zu seinem 1965 erschienen Buch "Libraries of the Future" (Bibliotheken der Zukunft, Anm. d. Ü.), würdigte Licklider "As We May Think" als den maßgeblichen Einfluß auf seine Ideen.

Bush inspirierte auch Ted Nelson, der Bushs Auffassung von assoziativen Pfaden in das Konzept des Hypertexts transformierte. Nelson war unter den ersten, die das Ideal vom PC mit dem Appetit der Gegenkultur nach Befreiung aller Art kombinierten. Nach Nelsons Ansicht war lineares Denken der Grundfehler des Establishments und Hypertext das Gegengift. Nelsons Patronage erhob Bush zu Kultstatus unter den Computeristen. "Vieles von dem, was Bush vorausgesagt hat, ist heute möglich", tönte Nelson 1972 auf einer bedeutenden Konferenz über Interactive Computing. "Der Memex ist hier. Die Pfade, von denen er sprach - entsprechend verallgemeinert und heute Hypertext genannt - könnten und sollten zur vorherrschenden Form des Verlagswesens der Zukunft werden."

Nelsons Hymne über Bush war vielleicht etwas verfrüht und vielleicht unseriös. Ganz sicher ist Bush - wie auch Nelson - eine Quelle der Inspiration für den PC und das World Wide Web gewesen, aber er hatte auch seine Schwächen. "Er dachte, es wäre toll, wenn die Menschen allen Pfaden und Verbindungen folgen könnten", sagt Rheingold, "wir wissen aber vom Umgang mit dem Web, daß genau das selbst zu einem Problem werden kann."

Noch bedeutender ist Bushs Versagen beim Erkennen des enormen Potentials der digitalen Computer. Seine eigenen analogen Geräte waren mächtig genug, um Geschoßbahnen und Stromnetze durchzurechnen. Aber während des zweiten Weltkriegs waren weit fortgeschrittenere Konzepte für sehr viel mächtigere Maschinen bereits in Entwicklung.

Digitalbefürworter verärgerten Bush, er raunzte, daß sie zu viele Ressourcen und Aufmerksamkeit von den Rüstungsprojekten abziehen und so den Erfolg gefährden könnten. Im September 1940 schlug der MIT-Mathematiker Norbert Wiener den Bau eines digitalen Computers vor und appellierte an Bush, damals Vorsitzender des National Research Committees der Regierung, für Bereitstellung der Mittel. Nach zweimonatigem Studium seines Memos wies Bush Wiener ab: "Während Ihre Vorrichtung zu Zwecken der Landesverteidigung durchaus geeignet ist, so ist es doch unzweifelhaft ein längerfristiges Projekt und es ist offensichtlich, daß die Leute, die qualifiziert wären, es durchzuführen, besser mit Affären von höherer Dringlichkeit beschäftigt werden."

Bushs Ablehnung mag mehr über Wieners Ruf als großen Katalysator, aber schwachen Durchsetzer sagen, aber er verweigerte auch die Mittel für das ehrgeizigste der digitalen Rüstungsprojekte, den sogenannten ENIAC, der versprach, 1000 Mal schneller zu rechnen, als die bis dahin existierenden mechanischen Vorrichtungen. Bush wies den Vorschlag ab und schließlich sprang das Feldzeugamt der US Streitkräfte ein und spendierte die 500.000 Dollar.

Bushs Widerstand gegen den ENIAC bot nachher viel Anlaß für Spott, aber er wies nicht ohne Stolz darauf hin, daß er sehr richtig erkannt hatte, daß ein digitaler Computer zur Entscheidung des Weltkriegs nichts beitragen hätte können: Tatsächlich ging er erst im Dezember 1945 in Betrieb, vier Monate nach Japans Kapitulation.

Bushs Anhänger kümmern sich weniger um sein Versagen. Sie sind von seinem Versuch, die Benutzung von Computern im Namen des Dienstes an der Gesellschaft zu humanisieren, tief beeindruckt.

Nehmen wir Ian Adelman, den Art Director für Microsofts Magazin Slate, 25 Jahre alt und Absolvent der Rhode Island School of Design. Eine Illustration von Bushs mythischem Memex hängt über dem PC in Adelmans Büro und dient als Mahnmal der Vergangenheit des Computers und vielleicht seiner Zukunft.

Von allen Computerpionieren, so Adelman, ist "Bush für mich der inspirierendste", weil das zentrale Problem in Bushs Leben - wie man die Strukturierung von Information automatisieren könnte - "das ist, was jeder, der mit dem Web zu tun hat, zu bewältigen versucht." Bush, sagt Adelman, hat nicht notwendigerweise alle Antworten, aber "er stellt die richtigen Fragen."



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