Newsfeed abonnieren
IKT-Trends
Semantic Web
Die nächste Generation des Web
Die Informationsflut im World Wide Web nimmt täglich zu. Die Chancen der User, die für sie relevanten Informationen zu finden, verringern sich ebenso rasch. Lösungsmöglichkeiten bei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen verspricht das Semantic Web, um das sich die "Semantics 2006" in Wien drehte. So haben vier Wiener Studenten mit esolda.at eine völlig neue Produktsuchmaschine entwickelt, die auf semantischen Technologien aufbaut.

Semantic Web Architektur; Quelle: Harald Sack: Vorlesung Semantic Web (Friedrich Schiller Universität Jena); www.db-thueringen.de

Das World Wide Web wächst und wächst. Bewahrheiten sich die Prognosen der Experten, wird sich bis in das Jahr 2020 die im Internet verfügbare Menge an Informationen alle siebzig Tage verdoppeln. Aber schon heute wird es zusehends schwieriger, das zu finden, was man wirklich sucht. Wer beispielsweise ein Handy zu kaufen beabsichtigt, das über Kamera und UMTS verfügt, erhält bei der Suchmaschine Google mehr als 1,1 Mio. Treffer. Ein User, der etwas über service-orientierte Architektur erfahren möchte, gibt SOA ein und sieht sich knapp 40.000 Treffern gegenüber. Noch schwieriger wird es, wenn es um Begriffe geht, die unterschiedliche Bedeutungen haben. Hinter dem Begriff "Apache" verbergen sich nicht nur ein Server, sondern auch ein amerikanischer Hubschrauber und ein Indianerstamm.

Die Grenzen des WWW scheinen erreicht. Was ist wichtig, was nicht? Welchen Informationen dürfen wir glauben und welchen nicht? Gibt es Technologien, die uns dabei unterstützen, diese Grenzen zu überschreiten? Das waren Fragen, mit denen sich die Teilnehmer der in Wien stattfindenden Konferenz "Semantics 2006" beschäftigten.

Die Hoffnungen ruhen dabei auf dem Semantic Web. Stefan Decker, Professor an der National University of Ireland und Leiter des Digital Enterprise Research Institute (DERI) in Galway bezeichnete in seinem Vortrag das Semantic Web als die "nächste Generation" des Web. Es stellt für ihn eine Erweiterung dar, ganz im Sinne des WWW-Begründers Tim Berners-Lee, für den sich das Semantic Web durch die Maschinenlesbarkeit der Daten auszeichnet ("The Semantic Web", Tim Berners-Lee, James Hendler and Ora Lassila; http://www.sciam.com/print_version.cfm?articleID=00048144-10D2-1C70-84A9809EC588EF21; Stand 02.12.2006). Nicht mehr der Mensch alleine ist in der Lage zu wissen, was bestimmte Informationen bedeuten. Während HTML als die Sprache des WWW keine Möglichkeit besitzt, die Bedeutung der dargestellten Informationen auszudrücken, sind die Daten im Semantic Web so aufbereitet, dass sie sich verknüpfen und in einen Bedeutungszusammenhang stellen lassen.

Die erste Suchmaschine, die Semantic Web-Technologien benutzt

Welchen Nutzen das dem User bringt, zeigt das junge Wiener Startup smart information systems (www.smart-infosys.com). Die vier Wiener Studenten haben die letzten achtzehn Monate an der völlig neuartigen Produkt-Suchmaschine esolda.at (www.esolda.at) getüftelt, die sie im Rahmen der Konferenz erstmals der Öffentlichkeit präsentierten.

Dabei handelt es sich um die erste Suchmaschine, die auch Semantic Web-Technologien nutzt. "Bis jetzt kann der Konsument nur auswählen, was er findet", beschreibt Markus Linder, Geschäftsführer des vom universitären Gründerservice INITS (www.inits.at) unterstützten Unternehmens, die Ausgangslage. Semantische Technologien überwinden diese Grenze und bieten dem User komfortable Suchmöglichkeiten. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Produzenten und Händler ihre Angebote in einer maschineninterpretierbaren Form zur Verfügung stellen, damit die Suchmaschine sie auch finden und erfassen kann. Wichtig zu wissen: Die Informationen liegen auf den Servern der Produzenten oder Händler und nicht etwa in einer Datenbank der Suchmaschine, das heißt, sie werden nur einmal eingegeben und können dann mit der Hilfe semantischer Tools gefunden werden.

Da diese Technologie noch ganz am Anfang steht, bietet die von smart information systems entwickelte Suchmaschine derzeit nur Konsumenten Unterstützung, die auf der Suche nach Mobiltelefonen, Fernsehern, Digitalkameras oder MP3-Playern sind. Mittels eines interaktiven Beratungsdialogs erfragt sie die Wünsche des Users und ruft dann die darauf zutreffenden Angebote ab. So erhält der User die Modelle aufgelistet, die optimal zu seinen Wünschen passen. Zusätzlich erstellt esolda.at noch ein Ranking der Händler, die das Produkt gerade im Angebot haben.

Die Metadaten sind auf der Website nicht zu sehen

Die Informationen bezieht die Suchmaschine nicht mehr aus herkömmlichen HTML-Dateien, sondern sie werden in dem vom World Wide Web-Konsortium (W3C) standardisierten RDF- und OWL-Format zur Verfügung gestellt.

Diese Daten sind nicht mehr von einzelnen Programmen abhängig, wie wir es von anwendungsbezogenen Daten kennen, die beispielsweise in Textdokumenten oder Datenbanken abgespeichert sind. XML-Dokumente, die die nächste Entwicklungsstufe darstellen, sind zwar bereits von der Anwendung unabhängig, dies aber nur innerhalb einer bestimmten vorgegebenen Domäne.

Erst RDF (Resource Description Framework) erlaubt die Verknüpfung von Daten, die aus unterschiedlichen Domänen stammen. Bei RDF handelt es sich um Metadaten, die auf der eigentlichen Website nicht zu sehen sind. Das Modell verfügt über Subjekt, Prädikat und Objekt und erlaubt in dieser Kombination, auch als Tripel bezeichnet, Aussagen über ein bestimmtes Objekt. Auf diese Weise lassen sich Daten zuordnen, klassifizieren und kombinieren.

Sehr viel weiter geht die Ontologie. Der Begriff stammt aus der Philosophie und versteht darunter vereinfacht gesagt die Organisation von Wirklichkeit. Im Bereich Informatik dient die Ontologie der Darstellung komplexer Wissensbeziehungen. Durch die Anwendung von Schlussfolgerungsregeln können aus bestehenden Daten neue Daten generiert werden. Erstellt werden Ontologien in der Web Ontology Language (OWL).

Setzt sich dieser Ansatz durch, wird das Internet gewaltige Umwälzungen erfahren. Markus Linder bleibt jedoch nüchtern. "Wir stehen noch am Anfang einer großartigen Entwicklung. Derzeit müssen wir aber noch den Großteil der maschineninterpretierbaren Informationen im RDF-Format aus bestehenden HTML-Seiten gewinnen, da erst wenige maschineninterpretierbare Daten im Web zugänglich sind." Informationen und Produktbeschreibungen werden daher heute noch großteils aus HTML-Dateien mittels automatisierter Web-Extraktion oder mit Hilfe von Web Services und Data-Retrieval gewonnen. "Doch das ist mühsam und zeigt die Grenzen der konventionellen Internet-Technologien auf", erklärt der 25-jährige WU-Student.

Österreich gehört zu den Vorreitern in Sachen Sematic Web

Aber das junge Unternehmen ist nicht alleine. Weltweit arbeiten Organisationen unter Federführung des W3C an der Entwicklung geeigneter Standards und Systeme. Auch die Wirtschaftskammer Österreich (www.wko.at) gehört hier zu den Vorreitern. Mit dem Projekt "ebSemantics" (www.ebsemantics.at) verfolgt sie das Ziel, Semantic Web-basierte E-Commerce-Lösungen für die österreichische Wirtschaft zu entwickeln. Konkret plant die Wirtschaftskammer, die Firmendatenbank "Firmen A-Z" zu einem semantischen Verzeichnisdienst zu erweitern. Ziel ist es, den Gewerbetreibenden noch bessere Unterstützung bei der Bewerbung ihrer Produkte und Dienstleistungen zu bieten. Bereits im Frühjahr 2007 soll eine Beta-Version für ausgewählte Demonstrationsbranchen verfügbar sein. Im Sommer werden erste Branchen bereits online gehen, so die Vorstellung der Projektverantwortlichen.

Die Chancen für heimische Player im Semantic Web Bereich schätzt Alexander Wahler, Geschäftsführer der Hanival Internet Services GmbH (www.niwa.at) und Mitglied im Organisationskomitee der "Semantics 2006", äußerst positiv ein. "Österreichische Unternehmen und Forschungsorganisationen spielen international gesehen absolut im Spitzenfeld mit", ist Wahler überzeugt und gibt sich zuversichtlich, dass Österreich einen ganz wesentlichen Beitrag zum Durchbruch von Semantic Web-Technologien im E-Business leisten wird. Die "Semantics 2006" war in dieser Hinsicht ein kräftiges Lebenszeichen, auch 2007 wird es diese Konferenz wieder geben.

Unsere Printausgaben
Termine
Leser empfehlen
MONITOR-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter!

E-Mail:
Die von Ihnen angegebene E-Mail Adresse wird von MONITOR Online weder an Dritte weitergegeben noch zu anderen Zwecken verwendet.
IT-Matchmaker
MONITOR-Autoren
Alexander Hackl

Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. ..mehr..

Die neuesten Artikel:

Letzte Meldungen

© Copyright 1983-2010 by MONITOR / Bohmann Druck und Verlag Gesellschaft m.b.H. & Co. KG (www.bohmann.at)

Add to Google  | Abo | Themenvorschau | Mediadaten | Inserate buchen | Kontakt | Impressum