Die Idee des Application Service Providing (ASP) gefiel Ende der 90er-Jahre zwar, immerhin schien mit der richtigen Bandbreite alles möglich, doch das Konzept hatte zu viele Untiefen. Als die IT-Branche schließlich in den Abschwung raste, blieb ASP als gern zitiertes Beispiel, was passiert, wenn etwas forciert wird, wofür die Zeit noch nicht reif ist.
Fünf Jahre später ist die Software zur Miete neu erfunden. Damit keine unschönen Erinnerungen aufkommen, mit neuem Namen: Software as a Service (SaaS). Allerdings beginnt und endet die Ähnlichkeit der beiden Liefermodelle bereits bei der Bezahlung je benutzter Menge. So bewegte sich ASP im traditionellen Client-Server-Umfeld, HMTL-Oberflächen waren lediglich ein Zusatz. Auch wurden Applikationen angeboten, die nicht originär fürs Internet gedacht waren, was sich negativ auf die Performance auswirkte. Hinzu kam, dass sich zum Teil Hosting Center um die Verwaltung kümmerten, die mit Software wenig am Hut hatten. Die Namensänderung von ASP zu SaaS sollte jedoch auch eines andeuten: Dass nun der Kunde im Mittelpunkt stand und nicht mehr das Angebot der Software-Häuser.
Dilip Wagle, Mitglied des Hightech Practice Leadership Teams bei McKinsey & Company: "Bei SaaS geht es darum, Software als reines Online-Erlebnis zu liefern, das bedeutet, kein Stückchen Code wird auf die Notebooks und Desktops der Benutzer geladen." Geliefert wird auch nicht an das Data Center, sondern das Internet ist Trägermedium.
Klein, aber ambitioniert
Die Lebenszeichen von SaaS sind kräftig, wenngleich die Ausgangslage eine bescheidene ist: Vergangenes Jahr gelang zwar erst ein Marktanteil von fünf Prozent im Bereich der Business Software. Doch geht es nach der Gartner Group, soll bis 2011 bereits ein Viertel aller Unternehmensapplikationen als Service an den Mann gebracht werden.
Etwas vorsichtiger sehen dies McKinsey & Partner, die zwar auch von einem kräftigen Marktwachstum überzeugt sind, dieses aber nur bei 30 Prozent ansetzen. In Übereinstimmung mit einer IDC-Studie erwartet sich McKinsey-Mann Wagle, dass SaaS bis 2010 einen Kuchenanteil von zehn Mio. Dollar beansprucht und damit nur rund zehn Prozent des Marktes.
Doch auch IDC zeichnet die Zukunft des Mietmodells positiv: Erin Traud und Amy Konary zeigen sich in ihrer SaaS-Taxonomie für das Jahr 2005 überzeugt, dass der Einsatz zunehmen wird, sobald sich die Möglichkeiten gegenüber traditionellen Modellen herumsprechen und Firmen sich mit dem System vertraut machen.
Die Verbreitung von SaaS unterscheidet sich in den verschiedenen Software-Sparten deutlich: So brachte es SaaS im CRM-Bereich vergangenes Jahr auf rund acht Prozent der gesamten Einnahmen, wobei nach Schätzungen von Gartner bereits heuer zwölf Prozent erreicht werden. In anderen Segmenten, darunter ERP und SCM, liegt die Verbreitung erst bei knapp vier Prozent.
Wenig SaaS ohne SOA
Mit knappen Budgets und der Anforderung, Wachstum fürs Business zu ermöglichen, stecken CIOs in der Klemme. Hilfe könnte ein simples Prinzip bringen: Warum nicht die Kostenstruktur in der IT dem Verbrauch anpassen und sich damit weg von fixen, hin zu variablen Kosten bewegen. Das geringe TCO schafft Luft und ermöglicht es, die Vorteile neuer Software zu nutzen. Hinzu kommt, dass sich auf diese Weise das Problem teurer Shelfware - Software, die gekauft, aber nie implementiert wird - ausschließen lässt.
Als Gangart von Business Process Outsourcing (BPO) liefert SaaS Funktionalität ohne den störenden Overhead, die Applikation selbst kaufen und betreiben zu müssen. Die Anbieter versprechen schlicht die Dreieinigkeit: Es schneller, billiger und besser zu machen.
Auf die geringeren Anschaffungskosten folgt rascheres Ausrollen der Applikation gegenüber klassischen Implementierungen. "Man geht auf die Website und dort ist die Anwendung dann verfügbar", beschreibt Wagle die neue Schlichtheit.
Entscheidender Vorteil von SaaS ist auch, dass man gründlich prüfen kann, woran man sich bindet. CRM-Anbieter Salesforce.com hat hier eindrucksvoll vorgemacht, welche Marktanteile möglich sind, wenn man Kunden funktionsfähige Systeme zum ausgiebigen Testen überlässt und eine kostengünstige Implementierung in Aussicht stellt.
Im Gegensatz zu ASP sind bei SaaS Multi-tenant-Architekturen von entscheidender Bedeutung, zumal diese die Software-Auslieferung an eine nahezu unbegrenzte Nutzermenge und somit Skalenerträge ermöglicht.
Konnten Anwendungen früher ohne Veränderung des Codes nicht adaptiert werden, erledigen heute dank SOA Konfigurationstools und Makros diese Aufgaben. Zwar verlangt SaaS streng genommen keine SOA, wer jedoch die Vorteile nutzen will, kommt nicht daran vorbei.
System mit Grenzen
Ein wichtiger Treiber von SaaS ist auch die zunehmende Unzufriedenheit mit der Qualität von Applikationen. Dass Software-Schmieden ein Paket über den Tresen reichen und ihre Verantwortung damit weitgehend endet, gehört mit SaaS der Vergangenheit an. Als Dienstleistung müssen Applikationsqualität und laufende Betreuung gleichermaßen stimmen. Denn ist die Integration nicht deutlich schneller, als mit vor Ort laufenden Applikationen und lassen sich neue Funktionalitäten nur aufwändig realisieren, dann dürfte SaaS seinen Markterwartungen sehr bald schon nicht mehr entsprechen.
Für Applikationen, die nicht zum Kerngeschäft der Unternehmen zählen, wird SaaS zuerst erwogen. Typischerweise sind dies SCM, Personalverwaltung, Lohnverrechnung oder CRM. Doch auch im Consumer-Bereich ist das Abo-Modell bei Security-Anwendungen wie Antiviren-Programmen längst verbreitet. Für die nächsten drei bis vier Jahre erwartet sich McKinsey-Analyst Wagle die Ausdehnung von SaaS in Richtung Storage und Storage Management: Alles, was nicht auf täglicher Basis gebraucht wird, ließe sich in die Internet-Wolke speichern.
Doch sobald die Komplexität der Applikationen steigt, stößt SaaS an seine Grenzen. "Mit dem Großteil der SaaS-Entwicklungen werden weiterhin Systeme einzelner Abteilungen, wie etwa Vertriebsunterstützung, fokussiert", so Robert DeSisto, Research Vice President bei Gartner. Und auch wenn für KMUs zunehmend End-to-end-Prozesse angeboten würden, für größere Unternehmen steht eine solche Entwicklung noch in den Sternen: "Kein Anbieter liefert die Funktionalitäten und Prozessmanagement-Möglichkeiten, die nötig sind, um es beim Support von Business-Abläufen über das Unternehmen hinweg mit vor Ort installierter Software aufzunehmen", verdeutlicht DeSisto.
Schöne, neue Welt
Zwar verlangen Geschäftsführer und Finanzchefs ihrer IT ab, Voraussetzungen für Flexibilität und Schlagkraft des Unternehmens zu schaffen, doch ob erfüllt, was gefordert wird, ist weit weniger klar. "Wir müssen dringend einen Quantensprung vollführen, wenn die IT die Kluft zwischen Erwartungen und Leistungen überwinden soll", erklärte Andy Kyte, Vice President von Gartner am hauseigenen Symposium/ITxpo 2006 in Sydney. Heute seien CIOs noch viel zu sehr in ihrem Alltagsgeschäft verhaftet, und da hieße es laufenden Projekten ständig Business-Wachstum abzuringen. Geht es nach Gartner, wird zwischen 2008 und 2013 alles anders: Dann würden sich IT-Manager nämlich nur noch um den Übergang von bestehender Software-Architektur in eine gemischte kümmern, was nichts anderes bedeutet, als neuen Applikationsverteilungssystemen Tür und Tor zu öffnen.
In dieser "schönen, neuen Welt", so Kyte, könnte dann HR als Business Prozess outgesourct, CRM via SaaS angemietet und die Bestandsverwaltung eine SOA-basierte Prozessplattform sein. Man darf gespannt sein.





11-12/2009
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10/2009



Rüdiger Maier war von 1999 bis 2009 MONITOR Chefredakteur 
