Christine Wahlmüller
Seit Mitte 2000 können neben der Telekom Austria (TA) auch die Internet Service Provider (ISP) ADSL (= Asymmetric Digital Subscriber Line d.h. Breitband-Internet) in Österreich anbieten. Der sogenannte Wholesale-Vertrag sowie die Entbündelung (zur Begriffsklärung siehe Kasten) machen es möglich. Trotzdem ist die TA mit rund 80 % Marktanteil bei einer Gesamtkundenanzahl von ca. 180.000 ADSL-Kunden in Österreich marktbeherrschend. (Allerdings gibt es in ganz Österreich rund 3 Mio. Haushalte - der ADSL-Markt insgesamt steckt somit noch gehörig in den Kinderschuhen).
Die alternativen Anbieter ärgern sich immer wieder über Aktionen wie jene, die am 14.Februar von der TA gestartet wurde. Die TA "schenkt" dabei jedem Kunden, der sich für ADSL entscheidet, das Aktivierungsentgelt - eine Aktion, "die die TA eindeutig vor den anderen Anbietern begünstigt", kritisierte die ISPA bereits in einer Aussendung. Inzwischen sind Verfahren bei Bundeswettbewerbsbehörde und RTR anhängig, aber noch nichts entschieden.
Diese Ausgangssituation versprach eine spannende Gesprächsrunde. Doch anfangs wirkten alle Teilnehmer besonders konstruktiv-bemüht. "Es geht nicht darum, den Schwarzen Peter von A nach B zu schieben, sondern wir sollten uns eigentlich gemeinsam Gedanken machen, wie wir den Markt am besten weiter entwickeln können. Das inhärente Problem ist die Doppelrolle, die der TA zukommt, einerseits als unser Mitbewerber, insbesondere nach der Integration der Jet2Web, und andererseits als Lieferant - das führt automatisch zu einem Konflikt", verdeutlichte Johannes Schwertner das Dilemma der derzeitigen Situation.
Von Regulator Seite hingegen äußerte sich Wolfgang Feiel eigentlich recht zufrieden mit dem Status Quo und der Entwicklung: "Österreich hat im internationalen Umfeld relativ bald begonnen, regulatorisch aktiv zu werden, die ersten Zusammenschaltungs- und Entbündelungs-Entscheidungen wurden relativ früh getroffen. Wir liegen derzeit auf Rang 5 innerhalb der EU 15". Die Rolle der RTR (Rundfunk- und Telekomregulierungsbehörde) bezeichnete Feiel als "thinktank" und Komptenzzentrum.
Größtes Problem: Vormacht der Telekom Austria?
Doch dann ging es schon "ans Eingemachte", denn sowohl in punkto Wholesale als auch Entbündelung orten die ISP Probleme. "Größtes Problem beim ADSL-Wholesale ist die Vormacht der TA, d.h. als ISP gibt es keine Möglichkeit eigene Phantasie und eigene Produkte zu entwickeln. Man ist immer darauf angewiesen, der TA den Vortritt zu lassen", eröffnete Michael Gredenberg die Diskussion. Aus diesem Grunde würde Inode jetzt auf die Entbündelung setzen. Rund 6000 ADSL-Wholesale Kunden und knapp 4000 entbündelte Kunden hat Inode zur Zeit erreicht.
Auch die UTA ist hier voll auf Kurs, pro Tag kommen ca. 400 entbündelte Kunden hinzu, 110 Standorte sind entbündelt und damit rund 50 % Flächen-Abdeckung erreicht. Aber auch hier sieht Gredenberg ein großes Problem: "Es gibt manche Hauptverteiler, da ist es unmöglich, eine Entbündelung zu bekommen, da ist einfach kein Platz im Wählamt mehr frei." Von Seiten der TA überging man vorerst diese Vorwürfe und verschanzte sich hinter Allgemeinplätzen. "Erstens agieren wir auf einem europäischen Markt, die TA muss dabei ein profitables Unternehmen sein. Zweitens haben wir einen wirtschaftlich sozialen Auftrag, eben für jeden Bürger ein Angebot zu haben", so Helmut Leopold, hob aber stolz hervor, dass die TA "bei den Entbündelungspreisen unter den drei Billigsten dabei ist". Zu den Entbündelungsflächen meinte Leopold schließlich: "Die Freiheit 1999 - jeder darf so viel Kollokationsflächen kaufen, wie er benötigt - hat den freien Markt selbst blockiert". Gredenberg konterte: "Die TA behauptet nur, dass Cybertron alle Flächen blockiert, in Wirklichkeit sind noch genug Flächen frei."
Da Cybertron jetzt aber Konkurs anmelden musste, dürfte sich dieses Problem ohnehin von selbst lösen. TA-Regulator Fröhlich vorsichtig dazu: "Es ist für uns nicht einfach, die vorhandenen Flächen wieder zu verteilen, wir sind da redlich bemüht." Zur Klage der mangelnden Produkt-Differenzierung äußerte Fröhlich: "Wenn man nur das Wholesale-Offer anbietet, und nicht in eigene Infrastruktur investiert, ist es klar, dass man sich nicht differenzieren kann." Gredenberg darauf recht schlagfertig wie immer: "Entbündelung ist sehr wohl eigene Infrastruktur, man geht immerhin bis zum letzten Wählamt, bis zur letzten Ortsvermittlungsstelle, auf eigenem Netz, auf eigener Glasfaser". Zur Entbündelungs-Causa schaltete sich auch Regulator Feiel ein: "Aus der Cybertron Sache hat die Regulierungsbehörde gelernt, dass nicht ein einzelner ein ganzes Wählamt mieten kann. Aber das Entgelt für die Entbündelung gehört mit 10,9 Euro (pro ADSL-Kunde pro Monat vom ISP an die TA zu zahlen, Anm.d.Red.) zu den drittniedrigsten in ganz Europa, d.h. die Regulierungsaufgaben sind hier im Großen und Ganzen gemacht." Fröhlich schloss sich dankbar an: "Wenn grobe Missstände in Österreich wären, hätten wir schon Vertragsverletzungsverfahren."
Zurück zum Wholesale-Vertrag. Kurt Einzinger erinnerte an "die Präambel des Vertrages, in der man sich bereit erklärt, gemeinsame Weiterentwicklung zu machen, sodass man damals z.B. auch gemeinsame Endkunden-Aktionen gemacht hat. Das Problem heute ist, dass genau so eine Aktion nur mehr unilateral von der TA gemacht wird, ohne die Provider zu verständigen", kritisierte der ISPA-Generalsekretär und ergänzte: "Es ist schon Sache der TA, darauf zu schauen, dass sie als Wholesaler ihre Partner, d.h. ihre Kunden, die ja auch ihre Produkte weiter verkaufen, fair und ordentlich behandelt." Inode-Vorstand Augustin kämpferisch zu den TA-Herren: "Wieso diskriminieren Sie da die Provider?" Leopolds Replik: "Da wird nicht diskriminiert, sondern da wird in einem aufgesetzten, wirtschaftlich sinnvollen Kontext gehandelt". Feiel, vom MONITOR dazu befragt, sagte nur: "Es ist ein Verfahren anhängig, es besteht der Verdacht der Diskriminierung, ich sage aber nicht, dass es eine ist".
Vernünftige Marktentwicklung ist gefragt
Schwertner versuchte sich wieder konstruktiv: "Wir müssen den Markt vernünftig weiterentwickeln. Und der Markt wird nur dann wachsen, wenn es entsprechenden Wettbewerb und entsprechende Differenzierung gibt." Dass die Bereitschaft zu Investitionen und zu Innovationen bei den ISP fehle (Vorwurf der TA), wurde von allen ISP-Vertretern bestritten.
"Es ist ja sogar so, dass wir auf unserer eigenen Infrastruktur und unseren entbündelten Leitungen gerne VDSL testen und entwickeln würden - und da ist es so, dass die TA meint, VDSL gefährdet das Netz", erklärte Gredenberg, dass es gar nicht möglich sei, innovativ zu sein. "Auch als Entbündler ist man damit immer Nr. 2 hinter der TA", stellte Augustin trocken fest. Leopold daraufhin, zunehmend emotional: "Wenn Ihr sozusagen abstruse Systeme dranhängts, die einen ganzen Störeffekt auslösen, und es fällt das ganze Kabel aus (...) es ist einfach nicht so trivial, wie Ihr Euch das vorstellt." Die Rolle der TA sei es schließlich darauf zu schauen, dass den Kunden funktionierende Dienste zur Verfügung stehen. Gredenberg ließ sich davon nicht beirren und forderte: "Es ist aber auch klar, dass es ein Szenario geben muss, wie ein ISP vorpreschen kann, und sagt, ich möchte jetzt diese neue Technologie in Ihrem Netz einsetzen, da muss es einen Modus geben."
Schwertner verlagerte das Gespräch wieder auf den Wholesale-Bereich: "Da fordere ich meinen Lieferanten (d.h. die TA) auf, dass er mich wie einen Kunden behandelt, mich in seine Überlegungen einbezieht, wenn er vorhat, etwas zu ändern und Produkte einzuführen." Auch die Abwicklungsprozesse müssten sauber funktionieren. Kurt Einzinger ergänzte: "Die TA sollte ja ein ureigenstes Interesse daran haben, den Wholesale-Bereich zu fördern. Es ist ja schließlich so, dass die TA bei jedem Kunden der ISP einen Großteil des Revenues kriegt", woraufhin TA-Mann Helmut Leopold die ISP aufforderte, ihm ein Absatz-Forecastmodell zu liefern. Darauf Gredenberg leicht erstaunt: "Wie soll ich ein Forecast über etwas machen, wo ich gar nicht weiß, was es in drei Monaten an neuen Produkten von der TA geben wird?" Und Einzinger dazu kritisch: "Als Beispiel für die Informationspolitik der TA: Bis zum 20. Jänner wurde uns nicht gesagt, dass es ein Lieferproblem bei den ADSL-Modems gibt." Leopolds eher matte Erklärung: "Jeder ist zur Zeit mit einer Lagerstand-Null-Politik am Arbeiten." Wenn demnach der TA-Lieferant ausfällt, dann ist das Problem da.
Schlussrunde mit neuen Themen
Erst in der Schlussrunde brachte Wolfgang Feiel zwei neue interessante Punkte aufs Tapet: "In anderen Ländern wie Schweden und Großbritannien, wo es funktioniert (der Breitband-Markt, Anm.d.Red.), ist es politisch ein Thema, da sind spezielle Task Forces eingerichtet, die direkt den Kanzler, Premier etc. beraten, so etwas fehlt bei uns völlig." Weiters nannte Feiel die Idee einer staatliche Förderung, "das ist ein Prozess, der dringend ins Leben gerufen gehört, erster Schritt dazu ist der Breitbandtag (siehe Termin unten)".
ISPA-Präsident Schwertner wünschte sich, einerseits dieses Fördermodell des Endkunden sehr konkret zu diskutieren. Weiters plädierte er für eine eGovernment-Initiative. Von Seiten der TA meinte Leopold abschließend: "Was uns allen fehlt, ist der Content - das wäre ein lohnende Aufgabe für die ISP." Die ISPA selbst ruft ihrerseits zur Breitband-Offensive auf. Denn darin sind sich ja alle einig: Der Markt muss weiter entwickelt werden.
TERMIN: Breitband-Tag der RTR, 2.4.2003, ab 15 Uhr, Siemensforum, Dietrichgasse 25, 1030 Wien, Anmeldung und Information http://www.rtr.at, Gertrude Klinger, Tel. 58 058-0, gertrude.klinger@rtr.at
Begriffserklärung
Der Wholesale-Vertrag wurde erstmals im Sommer 2000 zwischen der TA und den alternativen Anbietern abgeschlossen. Er ermöglicht, dass auch alternative Anbieter ihren Kunden ADSL-Produkte anbieten können. Dabei wird die Infrastruktur (Leitungsnetz) der TA genützt. ISP-ADSL-Kunden bleiben somit (indirekt) auch TA-Kunden und bezahlen neben der ADSL-Gebühr an ihren Provider auch eine erhöhte TA-Grundgebühr im Zuge der Telefonrechnung. Die ISP werden ebenfalls zu Kunden der TA und bezahlen für die Nutzung der TA-Infrastruktur.
Entbündelung bedeutet, dass die Telekom Austria (TA) die Verdrahtung zwischen ihrem Netz und der Anschlussleitung eines bisherigen Kunden (wird als die "letzte Meile" bzw. "last mile" bezeichnet) löst. Der neue, alternative Anbieter des Kunden kann nun die Anschlussleitung direkt an sein Netz anbinden. Voraussetzung dafür ist die Kollokation. Darunter ist die Anmietung eines alternativen Anbieters in oder neben den Räumlichkeiten einer Telekom-Austria-Vermittlungsstelle (Wählamt) zu verstehen. Techniker des alternativen Anbieters müssen die Entbündelung physisch vollziehen. Man spricht daher auch von Kollokationsflächen.





10a/2009
10/2009
9/2009



Rüdiger Maier war von 1999 bis 2009 MONITOR Chefredakteur 
