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Strategien
Interview mit Dr. Arthur Winter, Leiter IT-Sektion im Finanzministerium
Der Herr der IT
Dr. Arthur Winter ging mit 1. September als Leiter der IT-Sektion des Finanzministeriums in Pension. Wer ihn kennt, wird aber nicht verwundert sein, dass er auch weiterhin in Sachen E-Government aktiv zu bleiben gedenkt.

Dr. Arthur Winter ging mit 1. September als Leiter der IT-Sektion des Finanzministeriums in Pension, will sein Wissen aber in vielfältiger Form weitergeben

An diesem heißen Juli-Tag warten die Umzugskartons bereits im Zimmer des Sektionschefs, am Tisch steht die Teekanne. Wie immer gelassen, aber voll konzentriert, empfängt mich der "Mister E-Government" und blickt auch kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Ministerium lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit.

Vor fast 40 Jahren begann 1970 seine Karriere im Bundeskanzleramt (BKA), wo er auch bald mit dem Aufbau der ADV-Koordination betraut wurde. 1986 erfolgte der Wechsel in das Finanzministerium (BMF), in dem er 1992 die Leitung der IT-Sektion übernahm. "Ich war in meiner Tätigkeit immer darum bemüht, IT- und Prozess-Wissen zusammenzubringen, um so gut funktionierende IT-Lösungen zu erzielen", resümiert Winter. An umgesetzten Groß-Projekten mangelte es nicht: FinanzOnline, E-Finanz mit veränderten Prozessen in den Finanzämtern, Help.gv, die Einführung von SAP in der Bundesverwaltung oder auch die Ausgliederung der Bundes-Rechenzentrum GmbH. (BRZ) und der Buchhaltungs-Agentur.

Interpretieren und umsetzen

Eine ganz spezielle Herausforderung in seiner Arbeit als Leiter der IT-Sektion sei es gewesen, "den Willen des Gesetzgebers richtig zu interpretieren, um so die Umsetzung in die technische Infrastruktur zu ermöglichen". Als aktuelles Beispiel zur Veranschaulichung dieser Anforderungen eigne sich etwa die Umsetzung des Antrags auf Ökoprämie in FinanzOnline: "Dieses Instrument wurde Ende Jänner beschlossen, eine entsprechende IT-Lösung musste bis Juni produktiv sein."

Da die Autohändler bereits mit FinanzOnline gearbeitet haben, entschloss man sich, direkt dort eine neue Maske für den Antrag zu installieren. Normalerweise würde man für ein derartiges Projekt ein Jahr bis zur Umsetzung veranschlagen. "Wenn alle gut zusammenarbeiten und entsprechende Erfahrung gesammelt wurde, lässt sich selbst ein so enger Zeitplan einhalten. Und bis zur Überweisung der Prämie dauerte es jeweils nur einen Tag", ist Winter stolz.

FinanzOnline: Vielfach ausgezeichnet

FinanzOnline, im In- und Ausland vielfach ausgezeichnet, nahm etwa 1997 mit einem zweijährigen Testbetrieb in der Benutzergruppe der Wirtschaftstreuhänder seinen Betrieb auf. "Es waren beim Aufbau des Systems viele legistische Begleitmaßnahmen erforderlich, etwa die Gleichstellung von Passwort und PIN mit der eigenhändigen Unterschrift. Unsere Vorgabe war jedenfalls immer: Das System muss für die Nutzer einfach und schnell sein und soll Kosteneinsparungen ermöglichen", erläutert der Sektionschef.

Mit dieser Zielvorgabe läuft etwa auch das EU-Projekt VAT-Refund, mit dem ein elektronischer Antrag für Rückforderungen von Vorsteuerguthaben aus anderen EU-Mitgliedstaaten geschaffen werden soll. Die elektronischen Steuererklärungen wiederum müssen an die Vorgaben der Steuerreform 2009 angepasst werden, eine Authentifizierungs-Schnittstelle für die Buchhaltungsagentur betreffend E-Rechnung an den Bund soll entstehen.

"Insgesamt soll die Entwicklung hin zu einem "aktiven E-Government" gehen. Das könnte etwa bedeuten, dass Formulare und Erklärungen bereits mit den vorhandenen Daten ausgefüllt sind und sie der Nutzer nur mehr vervollständigen muss. Oder aber man könnte Studierenden unaufgefordert mitteilen, auf welche Studienbeihilfe sie Anspruch haben", blickt Winter in die Zukunft. Grundlage solcher Dienstleistungen sei natürlich, dass entsprechende Daten bereits in der Verwaltung vorhanden sind. "Das wäre dann eine ganz neue Sicht der Verwaltung, wofür aber auch die gesetzlichen Grundlagen geändert werden müssten."

Vereinfachung für Unternehmen

Im Zuge der allgemein gewünschten Verwaltungsvereinfachung läuft derzeit als gemeinsames Programm von BKA und BMF das Unternehmens-Service-Portal (USP) mit dem Ziel, ein zentrales E-Government-Portal für Unternehmen zu schaffen. "Wir haben heute das Problem, dass der Verwaltungsaufwand der Unternehmen durch die Vielzahl verschiedener E-Government-Betreiber recht hoch ist. Das soll sich durch die Bündelung der Verfahren deutlich reduzieren", erklärt Winter.

Bisher müssen Unternehmen Informationen oft mehrfach und in unterschiedlichen Arten (Papier, elektronisch, Internet etc.) einbringen: "Die Dimension dieser Vereinfachung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass heimische Unternehmen jährlich rund 230 Mio. "bundesrechtliche Informationsverpflichtungen" (IVPs) gegenüber Behörden oder Dritten erbringen müssen." Durch einheitliches Identitätsmanagement und vorausgefüllte Formulare sollen hier die Abläufe deutlich beschleunigt werden. Mit Anfang 2010 sollen die Grundfunktionen des Portals freigeschaltet werden können, das vom Bundesrechenzentrum (BRZ) betrieben wird. Letztlich sei es das Ziel, dass ein Unternehmen im Quartal nur mehr eine Meldung einbringen müsse, die dann automatisch an die betroffenen Stellen weitergeleitet werde. "Wir hoffen natürlich, dass sich die Länder, Gemeinden und Sozialversicherungsträger nach Fertigstellung dieses Portals hier anschließen."

Europaweite Beschaffung

Ein weiteres Großvorhaben ist das EU-Projekt PEPPOL (Pan-European Public Procurement On-Line), ein EU-weites einheitliches elektronisches Beschaffungsverfahren. "Gerade für die heimischen Klein- und Mittelbetriebe (KMU) ist es derzeit aufgrund der unterschiedlichen Regeln sehr schwierig, an europäischen Ausschreibungen teilzunehmen. Dieses Portal, an dem wir gemeinsam mit dem BRZ und der Bundes-Beschaffungs-Agentur (BBAG) arbeiten, wird auf Branchen abgestimmte Informationen zur Verfügung stellen", erläutert der E-Government-Spezialist. Damit wechsle die Verwaltung verstärkt in die Rolle eines Beraters, weg vom Bild des Verwalters oder Kontrollors. So werde etwa das Virtual Company Dossier (VCD) - alle Nachweise, die ein Bewerber im Zuge eines Vergabeverfahrens beibringen muss - von nationalen Stellen erbracht und elektronisch zusammengefasst. "Um solche übergreifenden Portale erstellen zu können, braucht es eine Gesamtsicht der Verwaltung, die traditionelle Zuständigkeiten ausklammert. So wird Verwaltung zu einer echten Dienstleistung", blickt Winter voraus.

Um die Akzeptanz für IT-Lösungen auch innerhalb der Verwaltung zu verbessern, war Winter immer auf eine moderne Ausstattung der Mitarbeiter bedacht. "PCs und Notebooks, die Anbindung an das Internet oder der Betrieb eines aktuellen Informations-Systems waren mir immer sehr wichtig. Nur wenn wir hier selbst mit moderner IT arbeiten, lernen wir auch ihren Nutzen besser verstehen", weiß Winter aus Erfahrung. Auch im Hinblick auf den viel diskutierten Datenschutz sei man immer sehr vorsichtig gewesen: "Wir haben auch im Hinblick auf Forschungszwecke keine Ausnahme gemacht. Letztlich hat sich diese Konsequenz als richtig erwiesen, da wir in den letzten 20 Jahren keinen Datenschutz-Skandal zu verzeichnen hatten!"

Wenn er an die Zeit nach seiner Pensionierung denke, habe er vor, das Wissen und die Erfahrung aus dem Bereich des E-Government in Vorträgen, Büchern und durch wissenschaftliche Arbeit weitergeben zu können. Dafür wünscht MONITOR alles Gute und freut sich auf einen aktiven Korrespondenten aus dem weiten Feld des E-Government!

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