Dass auch Wirtschaftswissenschaftler im Dunkeln tappten, scheint kein allzu großer Trost. Die Fehleinschätzungen, die in den letzten beiden Jahren über den Zustand der Weltwirtschaft getroffen wurden, haben zum Teil historischer Ausmaße. Heute herrscht Vorsicht und Unsicherheit vor. Wie lange die Krise dauern mag, dazu gehen die Meinungen auseinander. Ist es die schwerste wirtschaftliche Zwangslage seit den 1930ern oder ist alles gar nur halb so schlimm und die Rezession wird vor allem von Pessimismus vorangetrieben, der nicht mehr lange vorhalten kann?
Seit die IT-Budgets krisenbedingt schrumpfen, sind CIOs unter Druck. "Die Wirtschaftskrise ist tiefgreifend und alle Businessbereiche sind betroffen. Die weitere Entwicklung ist daher nicht absehbar", sagt Klaus Glatz, CIO der Andritz Gruppe. Im Gegensatz zu 2001 gäbe es jetzt ein Problem mit den Banken. "Auf die IT umgemünzt bedeutet dies: was investieren wir?", so Glatz, dessen Team innerhalb der Andritz Gruppe rund 220 Mann stark ist.
Verschobene Projekte

„Fällt das Jahr zufriedenstellend aus, wird gemäß Budget vorgegangen. Wenn nicht, dann schieben wir weiter vor uns her.“ - Christian Vesely, WolfPlastics
Hinzu kommen Aufnahmestops und Freisetzungen. Reisekosten werden weiter gekürzt und insbesondere unternehmensinterne Meetings auf Computermonitore verlegt. In vielen Bereichen scheint es geradezu, als würde erst 2010 wieder etwas gehen.
Robert Kögl ist bei Cisco Finanzchef für die Region DACH. Dass die Umsetzung von Projekten teilweise vorsichtiger angegangen würde, kann er bestätigen: "Es gibt Kunden, die sich mehr Zeit lassen. Man kann etwa nicht tausend Leute in Kurzarbeit schicken und gleichzeitig in Infrastruktur investieren. Das passt nicht." Dennoch seien Themen rund um Compliance weiterhin an der Tagesordnung. Und auch die Bedeutung des Kommunikationsbedarfs stünde zumeist außer Diskussion.
"Verschoben wurde ganz klar der SAP-Rollout", beschreibt Glatz die Situation bei Andritz. Von fünf für 2009 anberaumten Projekten wurden zwei auf 2010 verlegt. Darüber hinaus schiebt man strategische Projekte auf die lange Bank.
Budgets für alle Fälle
Christian Vesely ist IT-Manager bei WolfPlastics. Das Unternehmen vertreibt Verpackungen an drei Standorten in Österreich, Ungarn und Rumänien. Vesely und sein Team kümmern sich um rund 60 IT-Benutzer, die Windows-basierte System im Einsatz haben sowie eine ERP-Lösung von Mesonic. Die Auswirkungen der Krise sind für Veselys Unternehmen derzeit noch nicht deutlich spürbar, zumal die Saison für die Branche erst jetzt beginnt: "Das heißt, die umsatzschwachen Monate waren auch in der letzten drei bis vier Jahren umsatzschwach", erklärt er. Allerdings sei derzeit ein flacherer Anstieg als in den Vorjahren zu verzeichnen und Vesely bereitet sich vor. So wurden die IT-Investitionen und zugekaufte Dienstleistungen, darunter Trainings, auf das nächste Quartal verschoben. Weiters würde Hardware länger genutzt als geplant sowie Alternativprovider für Telefonie und Internet gesucht, Vertragserneuerungen gehen mit intensiven Nachverhandlungen einher. "Nach dem Motto: Mal sehen, was das Jahr bringt", sagt Vesely. Fällt dieses zufriedenstellend aus, wird gemäß Budget vorgegangen. "Wenn nicht, dann schieben wir weiter vor uns her", so der IT-Manager.
Ähnliche Empfehlungen kommen auch von Seiten der Berater. CIOs sollten mehrere Pläne ausarbeiten und dabei verschiedene Szenarien von Einschnitten durchspielen. Allen voran ist zu klären, welche Projekte auch im schlimmsten Budgetfall umgesetzt werden müssen, danach, welche Vorhaben an die Reihe kommen, falls mehr Geld vorhanden ist.
Jetzt aufräumen
Einig sind sich Analysten, dass es gerade jetzt an der Zeit ist, das Letzte aus Prozessen und Systemen herauszuholen. Nahezu jedes Unternehmen hat Bereiche innerhalb der IT, die seit ein paar Jahren unberührt sind. Die wichtigste Frage dabei: Sind diese noch relevant?
Doch Organisationen greifen auch auf bewährte Rezepte zurück. T-Systems-Manager Borenich sieht eine verstärkte Nachfrage bei Managed Services. Kunden wollen von großen Fixkostenblocks wegkommen und sich in Richtung Variablisierung der Kosten bewegen. "Auch in Branchen, wo es früher ein Tabu war, beginnen Unternehmen das Thema, etwa als Rechenzentrumsauslagerungen, zu evaluieren", erläutert Borenich die Trendwende.
Die wichtigsten Projekte werden weiterhin durchgezogen, darunter auch solche, die einfach nicht mehr zu stoppen sind, weil Altes ersetzt wird. Aber auch, weil damit Technologien und Prozesse ins Haus kommen, die helfen weitere Kosten zu sparen. Und nichts ist willkommener derzeit.
"Die IKT-Branche verkraftet die Krise besser. Es liegt daran, dass diese Unternehmen dabei unterstützt einen Sparkurs einzuschlagen", so Thomas Lutz, Mitglied der Geschäftsführung bei Microsoft. So erlebt etwa das Thema Virtualisierung eine verstärkte Nachfrage. Vesely bestätigt diese Entwicklung auch bei WolfPlastics: "Auf jeden Fall werden Projekte umgesetzt, die mittelfristig eine Kostenreduktion bringen, wie zum Beispiel Konsolidierungen. Auch Themen, die businesskritisch werden könnten, sind darunter. In unserem Fall ist dies die Umsetzung eines Datensicherungskonzeptes."
Die Krise nutzen
"In der Krise werden die Gewinner von morgen gemacht", ist Lutz überzeugt, "Denn der nächste Konjunkturaufschwung kommt bestimmt." Gerade in schlechten Zeiten könnte die Geschäftsführung offen für neue Technologien und ungewöhnliche Ideen sein - vorausgesetzt freilich, Argumentation und ROI stimmen. In Zeiten der Rezession würden sich Unternehmen überlegen, wie sie ihre Kunden halten könnten, so Lutz, während in der Hochkonjunktur alles darauf ausgerichtet sei, neue zu gewinnen. Entsprechend werden CRM und Business Intelligence nachgefragt: "Wir verzeichnen nach wie vor ein großes Interesse an CRM-Systemen", so Lutz.
Mit der Kürzung von Reisebudgets werden Videokonferenzsysteme immer gefragter, darunter Lösungen wie Ciscos TelePresence. "Das Interesse ist sehr groß, die Nachfrage steigt. Gleichzeitig steigt die Sensibilität der Kunden, welche Lösung für welches Problem passt", sagt Manager Kögl. Weltweit gibt es über tausend Installationen, das System ist auch bei Cisco selbst mit mehr als 300 Systemen in 140 großen Städten intensiv im Einsatz. Zum Interesse trägt bei, dass die Lösung mit alten Videokonferenzsystemen so gut wie nichts mehr gemein hat. Das Gesprochene ist lippensynchron, der Gesprächsaufbau bedarf längst keines Technikers mehr. "Wir vermeiden daher den Begriff Videoconferencing. Das ist verbrannte Erde."
Für Unternehmen, die die Zeichen der Zeit erkennen, über finanzielle Stabilität verfügen und Skalierbarkeit, könnte sich inmitten des Abschwungs die Möglichkeit ergeben, sich von der Konkurrenz abzusetzen: "Es geht darum, sich auf die Notwendigkeit zu beschränken und gleichzeitig eine Differenzierung am Markt haben", bringt es Borenich auf den Punkt.
Links
www.andritz.com
www.cisco.com
www.microsoft.com
www.t-systems.com
www.wolfplastics.eu





11-12/2009
10a/2009
10/2009



Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 
