Unter dem Schlagwort E-Health subsummieren sich hohe Erwartungen. Qualitätssteigerung und Kosteneffizenz soll es dem schwer unter Druck stehenden Gesundheitssystem bringen. Voraussetzung für einen ungehinderten Datenfluss im Zusammenspiel von IT- und Medizintechnik ist die höchstmögliche Interoperabilität der Systeme. Eine wichtige Rolle nimmt in diesem Zusammenhang die weltweit agierende Initiative "Integrating the Healthcare Enterprise" (IHE) ein, die auf Basis international anerkannter Standards die technischen Voraussetzungen für die optimale Integration von IT-Systemen und medizintechnischen Geräten verschiedenster Hersteller in medizinischen Prozessabläufen definiert.
Seit letztem Jahr hat die Organisation auch einen eigenen Österreich-Ableger. Dazu Vorstand und Gründungsmitglied Alexander Schanner, der auch Programm Manager der ARGE ELGA ist: "Mit der Gründung von IHE-Austria ist es erstmals gelungen die verschiedensten Interessensgruppen im Gesundheitswesen für ein gemeinsames Ziel an einen Tisch zu holen: die Anwendung von IT-Systemen auf Basis international anerkannter Standards im Gesundheitswesen zu forcieren und damit einen wesentlichen Beitrag für Qualitätssicherung, Effizienzsteigerung, Investitionsschutz und mehr Patientenkomfort zu leisten." Die enge Zusammenarbeit von Gesundheitsexperten, Anwendern, Herstellern und Interessenvertretungen soll die rasche technische Umsetzung von E-Health-Anwendungen und einrichtungsübergreifende Behandlungsketten ermöglichen.
IHE ist 1997 in den USA entstanden und hat sich die Etablierung einheitlicher Standards in der Gesundheitstechnik auf die Fahnen geschrieben. Denn bis heute gerät der Datenfluss vornehmlich an den Schnittstellen von medizintechnischen Geräten verschiedener Hersteller sowie zwischen medizinischen und IT-Systemen oftmals ins Stocken. Das Gremium bringt daher Hersteller und Gesundheitsdiensteanbieter zusammen, um gemeinsam Interoperabilitätsrichtlinien zu erarbeiten. Auf Herstellerseite sind international Firmen wie IBM, General Electric, Hitachi, Carestream, Philips oder Agfa vertreten. Mitglieder in Österreich sind zum Beispiel T-Systems, Tiani Spirit, Systema oder ITH Icoserve. "Anbieter und Anwender sind bei uns gleichberechtigt vertreten", erklärt Schanner. Mittlerweile haben sich die IHE-Standards nicht nur im intramuralen Bereich, sondern auch für übergreifende Vernetzungsprojekte durchgesetzt. Sie gelten als verlässlicher Garant für Interoperabilität im Gesundheitswesen und bilden daher nicht nur die Grundlage für das Projekt "Elektronische Gesundheitsakte" (ELGA), sondern auch für die europäische Vernetzungsinitiative "Epsos".
Ebenfalls im IHE-Vorstand ist Manfred Müllner, stellvertretender Geschäftsführer des WKO-Fachverbands Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI): "IHE ist ein wesentlicher Beitrag zur Weiterentwicklung des Gesundheitssystems. Der FEEI bekennt sich daher zum Ziel einheitlicher Standards und Schnittstellen und will diesbezüglich auch auf politischer Ebene als Promotor fungieren. IHE kann nämlich auch viel ökonomischen Druck vom Gesundheitssystem nehmen, weil man damit die Möglichkeit hat, Prozesse optimiert aufzustellen.
Rahmenwerk als Leitlinie
Genau genommen entwickelt IHE keine Standards, sondern beschreibt detailliert, wie bereits existierende Standards - weit verbreitet sind zum Beispiel HL7 oder DICOM - anzuwenden sind. IHE veröffentlicht technische Frameworks als Leitlinien für die Umsetzung in den Unternehmen. Das Framework wird in verschiedenen Arbeitsgruppen erstellt und die Ergebnisse als Profile zur Kommentierung und Diskussion veröffentlicht. Anschließend werden Beispielimplementierungen getestet. Die daraus gewonnenen Erfahrungen fließen wieder in das Framework ein.
Ein wesentliches Ziel von IHE ist es auch, Herstellerabhängigkeiten bei den Anwendern, wie sie heute noch weit verbreitet sind, zu verringern. Große Anbieter haben in puncto Standards nämlich lange Zeit jeweils ihr eigenes Süppchen gekocht. Die Folge: Der Datentransfer zwischen Systemen verschiedener Hersteller ist für Anwender oft mit immensem Aufwand verbunden. Mit ein Grund, warum sich Wilfried Seyruck, Vize-Obmann des WKO-Verbandes Unternehmensberatung/IT (UBIT), im IHE-Vorstand engagiert: "Ein Großteil der heimischen IT-Unternehmen sind Kleinstfirmen. Gerade kleine Hersteller sind auf herstellerunabhängige Standards angewiesen, um ihre Lösungen am Markt einbringen zu können."
"Connectathon" erstmals in Wien
Die Ergebnisse der IHE-Initiative werden in jährlichen Veranstaltungen, den "Connectathons", getestet. Dieser Test-Marathon, an dem allein in Europa letztes Jahr 280 Entwickler mit über 120 Systemen aus verschiedensten Ländern teilgenommen haben, dient dazu, die Interoperabilität zwischen den Lösungen unter realistischen Bedingungen zu testen und die Systeme auf den Praxiseinsatz vorzubereiten. Die Teilnahme am Connectathon steht allen interessierten Firmen und Anwendern, die IHE-kompatible Systeme entwickeln, offen. IHE gibt den Herstellern von erfolgreich getesteten Produkten die Möglichkeit, die Ergebnisse in strukturierter Form in so genannten "Integration Statements" zu veröffentlichen, die den Anwendern beim Kauf eines Produkts als transparenter Nachweis der Leistungsfähigkeit und zum Vergleich mit anderen Produkten dienen.
Vom 20. bis 24. April findet der europäische Connectathon erstmals in Wien statt. Dazu IHE-Vorstandsmitglied Jürgen Brandstätter, GF des E-Health-Beraters und -Softwareentwicklers CodeWerk: "Ein sehr intensives Ereignis, bei dem Hunderte Firmen, die oft auch direkte Konkurrenten am Markt sind, auf engstem Raum die Interoperabilität ihrer Systeme testen. Die Latte für die Firmen liegt dabei sehr hoch, der Testprozess wird von Jahr zu Jahr verbessert." Für alle Interessierten gibt im Rahmen des Connectathons auch einen begleitenden Workshop, den Brandstätter vor allem Beschaffern im Gesundheitswesen ans Herz legt: "Die IHE-Spezifikationen erleichtern den Beschaffungsprozess enorm." Organisiert wird die Veranstaltung von der FH Technikum Wien.
ELGA wird umgesetzt
Am 6. März hat die Bundesgesundheitskommission unter Vorsitz von Minister Alois Stöger endgültig die technische Umsetzung der bundesweiten Elektronischen Gesundheitsakte "ELGA" beschlossen. Dazu Schanner: "Die Architektur von ELGA ist auf IHE aufgebaut. Die Frameworks bilden die ideale Umgebung für das Vorhaben." Bis Ende 2010 soll neben einem zentralen Patientenindex und einem Index aller "Gesundheitsdienste-Anbieter" auch schon die erste Kernanwendung betriebsbereit sein. "eMedikation", die Digitalisierung der Arzneimittelverschreibung, wird laut Schanner durch die elektronische "Prüfung von Wechselwirkungen und Kontraindikationen" primär der "Patientensicherheit" dienen. Für die beiden anderen Kernanwendungen, die elektronische Entlassungsdokumentation für Krankenhäuser und den eBefund für Labore und Röntgeninstitute, gibt es zwar noch keinen bindenden Fahrplan, Schanner hält aber eine Umsetzung bis 2012 für realistisch.
Beschlossenene Sache ist allerdings die "föderale Struktur", soll heißen, ELGA wird als Überbau auf vorhandene Vernetzungsprojekte in den Ländern aufsetzen. Schon bis Ende 2009 soll ein Gesundheitsportal mit gesicherten medizinischen Informationen für alle Bürger online gehen. Die Kosten für die Errichtung der Kernanwendungen beziffert Schanner mit relativ schlanken 30 Mio. Euro und beruft sich dabei auf eine Kosten/Nutzen-Analyse, die "nicht veröffentlicht werden darf", der zufolge sich aber die Investitionen binnen zwei bis drei Jahren durch Effizienzsteigerungen amortisieren sollen. "Das österreichische Gesundheitswesen hat im europäischen Vergleich einen hohen Digitalisierungsgrad, die E-Card-Einführung hat sehr gute Grundlagen für ELGA geschaffen", so Schanner.
E-Health-Enquete
IKT-Anbieter haben E-Health längst als zukunftsträchtigen Geschäftsbereich entdeckt. Die Telekom Austria widmete dem Thema im März sogar eine große Enquete, bei der 150 Experten aus Politik und Wirtschaft Lösungsansätze diskutierten. Das Impulsreferat hielt Gottfried Dietzel, Vorstand der deutschen Gesellschaft für Gesundheitstelematik. Der E-Health-Experte hat auch die deutsche E-Health-Strategie federführend mitentwickelt.
Im Gespräch mit dem MONITOR erläuterte er die Potenziale von E-Health: "Effizienzsteigerungen sind angesichts der demographischen Entwicklung in Europa unumgänglich. Allein bei der Medikamentenverschreibung könnte man in Deutschland durch einen rein digitalen Prozess 183 Mio. Euro einsparen. Der zweite Aspekt von eMedikation ist das bessere Qualitätsmanagement, das indirekt ebenfalls zu Einsparungen führt. 5 % aller Spitalseinweisungen passieren aufgrund von Medikationsfehlern."





11-12/2009
10a/2009
10/2009



Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 
