Der Wind begann sich im Oktober zu drehen. Zuerst war es AMD, das durch die teure Finanzierung von Produktionsanlagen und seine scheinbar unaufholbare Position hinter Intel geschwächt, bekanntgab, sich auf zwei Unternehmen aufzuteilen: Das eine kümmert sich um die Entwicklung der Halbleiter, das andere baut die Chips.
Produktion und Design zu trennen, schien zunächst zwar dramatisch, aber nicht unerwartet. Immerhin zieht AMD lediglich mit Mitbewerbern wie Sony und Texas Instruments gleich, die diesen Schritt seit längerem vollzogen haben. Dennoch war damit die, wenngleich geringe Hoffnung dahin, dass ein Unternehmen dem Branchenprimus Intel seine Position streitig machen könnte. Was auf den ersten Blick wie eine kleine Niederlage schien, wurde von den Börsen jedoch dankend angenommen.
Das Geld für den Spinoff bei AMD kommt aus Abu Dhabi. Das von der Regierung des Emirats gegründete Unternehmen Advanced Technology Investment will demnach bis zu 8 Mrd. Dollar in den Produktionszweig investieren, der den intermistischen Namen The Foundry Company trägt.
Die Trennung zwischen Forschung und Produktion macht für die Halbleiterbranche wirtschaftlich durchaus Sinn. Typischerweise schlagen sich neue Produktionsanlagen mit mehreren Mio. Euro zu Buche. Weil sich Unternehmen zudem alle paar Jahre auf Technologiewechsel - kleinere Bauweisen, aber auch Fluktuationen in der Nachfrage - einstellen müssen, ist zumindest der Betrieb zweier solcher Anlagen notwendig. Diese wiederum liefern allerdings nur bei 100-%iger Auslastung schwarze Zahlen.
Den Gürtel enger schnallen
Seit sich die Krise von der Wall Street in Richtung der Weltwirtschaft ausbreitet, folgen die Hiobsbotschaften in kurzen Intervallen. Der Zulieferer Applied Materials etwa führt für sein viertes Quartal einen Gewinnrückgang von 45 % an. Nach letzten Meldungen ist die Freisetzung von 1800 Mitarbeitern geplant. ON Semiconductor fährt ebenfalls Kosten und Erwartungen für 2009 herunter und entlässt, um sich Luft zu schaffen, 10 % seiner Mitarbeiter. Auch National Semiconductor revidierte seine Erwartungen für das aktuelle Quartal um 10 %.
Seit Mitte Dezember hängt schließlich auch bei Intel der Haussegen schief. Da gab das Unternehmen bekannt, dass seine Q4-Verkäufe fast um ein Fünftel nachgeben würden. Härter traf es den Chipriesen nur in der Technologiekrise Ende 2001.
Wie so oft in den letzten Monaten zitiert, soll auch in der Chipbranche noch nicht die Talsohle erreicht sein. Christopher Danely, Analyst bei JPMorgan erwartet in einem kürzlich veröffentlichten Bericht weitere Gewinnrevidierungen.
Im letzten Jahr bereits hatte das Überangebot bei Speicherchips den Preis in den Keller getrieben. Erste Opfer waren Hersteller wie Micron Technologies. Dieser kündigte an, innerhalb von zwei Jahren knapp 3.000 Mitarbeiter abbauen zu wollen.
Warren East, CEO von ARM, beschreibt Halbleiter als das "Herzstück der Consumer-und Infrastrukturelektronik". Das Unternehmen mit Sitz in Cambridge designt RISC-Chips und ist damit nach eigenen Angaben in mehr als 90 % aller Mobiltelefone vertreten. "Wenn die Konsumenten aufhören Geld auszugeben, hat dies klarerweise Auswirkungen auf unsere Industrie", erklärte East gegenüber der Financial Times.
Wenngleich er von einer längeren Krise ausgeht, zeigte er sich bezüglich des Absatzes zuversichtlich, zumal Chips dazu verwendet würden, Aufgaben biliger und effizienter zu erledigen - eine Priorität in schlechten Zeiten. Die letzten Monate zeigten, dass die Branche Lagerbestand und Supply Chain "sehr verantwortungsvoll" manage, so East. "Ich sehe dies als Aufmunterung, dass die Industrie als Ganzes die Situation viel besser meistert als in der Vergangenheit".
Kulturelle Passform
Die Krise erreicht längst auch österreichische Player. Der bis Anfang 2008 an der Schweizer Börse notierende Halbleiterindustrieausstatter SEZ etwa, mit Sitz in Villach, wurde im letzten Jahr vom US-Unternehmen Lam Research übernommen. Auf die anfänglich großen Pläne, wie etwa die mittelfristige Aufstockung der Mitarbeiterzahl in Kärnten, folgte Ende des Jahres der Abbau von 60 Mitarbeitern. Ebenfalls 60 Mitarbeiter wurden von der steirischen austriamicrosystems zur Kündigung angemeldet.
Noch empfindlichere Kürzungen gibt es bei AT&S. Die als "Anpassung der Kapazitäten" beschriebenen Umstrukturierung im Werk Leoben-Hinterberg resultierte in der Kündigung von 450 Mitarbeitern. Die Produktionsfläche wurde dabei um gut 80.000 Quadratmeter geschrumpft.
Am krisengeschüttelten US-Markt sind für AT&S indes einige der größten Kunden beheimatet. Entsprechend wurde im letzten Sommer ein Büro in Kalifornien eröffnet. Laut Unternehmenssprecher Hans Lang beliefert AT&S fünf der sechs größten Hersteller im Mobilfunkbereich. Kundennamen dürfe er zwar nicht nennen, es seien allerdings "zwei große Nordamerikaner" dabei.
Die angespannte Wirtschaftsituation ließe Unternehmen zunehmend vorsichtiger werden. "Der Zeithorizont wird immer kürzer, die Kunden wollen erhöhte Flexibiltität", so Lang. Als Vorteil auf Seiten AT&S führt er ins Treffen, dass die europäische Unternehmenskultur der US-amerikanischen "vergleichsweise nahe" sei. Zusätzlich würde das Unternehmen durch seine Produktionsstätten in Asien über wichtiges Know-how verfügen: "Es gibt viele Kunden, die den direkten Kontakt zu Asien nicht wollen", beschreibt er unternehmenskulturelle Vorbehalte.
Faltbare Bildschirme
Eine Forschungsniederlassung in den USA betreibt der oberösterreichische Hersteller von Mikrochip-Programmieranlagen, EV Group. In seiner Zentrale in St. Florian, nahe Schärding, werden Mikrobauteile für die Halbleitertechnik gefertigt, die unter anderem im Biotech-Bereich sowie in Medizin, Raumfahrt und in der Automobilindustrie Eingang finden.
Anlass für die Eröffnung des amerikanischen Entwicklungscenters in Tempe, im Bundesstaat Arizona, war ein Auftrag des US-Militärs: EV sollte gemeinsam mit sieben anderen Unternehmen faltbare Displays zum Einnähen in Soldatenuniformen entwickeln. Umgesetzt werden Forschung und Entwicklung am eigens dafür geschaffenen Flexible Display Center an der Arizona State University. Heute hat das Zentrum 21 Unternehmenspartner, darunter Boeing und HP.
Sein Geschäftsjahr 2008 beendete EV Group vor dem großen Stimmungseinbruch im Oktober. So vermeldete das Unternehmen per 30. September noch einen Zuwachs von 15 %. Den Erfolg führt Gründer und Präsident Erich Thallner auf die rege Nachfrage sowohl nach der Technologiekombination aus 3D Interconnect (3D IC) und Through-Slicon-Vias (TSV) sowie der Nanoprägelithografie (NIL) zurück. Im letzten Jahr konnte das Unternehmen sein 100. NIL-System ausliefern.
Weil EV seine Kernkompetenzen gezielt einsetze und die Expertise in Richtung von Synergiemärkten erweitere, sei man seit der Gründung im Jahr 1980 konsistent gewachsen. "Nicht zuletzt deswegen kommen wir mit einigen Auswirkungen zyklischer Industrien, wie der Halbleiterbranche, besser zurecht und dies sogar in besonders turbulenten Zeiten, wie heute", ist Thallner überzeugt.
Den Blick nach vorne formuliert er schließlich vorsichtiger. Für 2009 sei ein "noch herausfordernderes" makroökonomisches Klima zu erwarten, insbesondere im Consumer- und Automotive-Bereich. Doch auch hier sollen rückbeleuchtete Bildsensoren und leistungsfähigere Mobiltelefone die Nachfrage nach Technologie aus dem eigenen Haus vorantreiben.





11-12/2009
10a/2009
10/2009



Mag. Dominik Troger gehört seit 1992 zum MONITOR-Team. Er begann als News-Redakteur und betreute viele Jahre die MONITOR Weiterbildungsbeilage "Job Training". Seit dem Jahre 2000 war er als Chef vom Dienst tätig, mit Dezember 2009 übernahm er die Chefredaktion. 
