"Die IT-Branche ist nicht mehr sexy", hatte Prof. Schikuta im Frühjahr bei der letzten Monitor-Gesprächsrunde gesagt. Trotz einer Riesen-Auswahl an IT-Ausbildungsmöglichkeiten wie noch nie gehen die Studentenzahlen, was IT betrifft, zurück. Sowohl Unis als auch FHs kämpfen daher um Maturanten, insbesondere die Verantwortlichen der Hardcore-Technik-Studiengänge jammern bereits. Droht der Branche tatsächlich in Zukunft ein Facharbeitermangel?
Ja, das Thema beschäftigt alle Teilnehmer, war die Resonanz beim Start der Diskussion, denn fast alle haben das Problem bereits im eigenen Haus zu spüren bekommen. Neben der fachlichen Qualifikation ist "mir die soziale Kompetenz und das Weiterbildungspotenzial der Bewerber fast wichtiger", betonte Evelin Mayr, Personaldirektorin von HP und einzige Dame der Runde, und erklärte ihre Strategie so: "Wir haben letzthin einen Volkswirtschafter angestellt, der wirklich hervorragend ist". Man müsse die Leute sowieso dann im eigenen Haus in der gewünschten Spezialisierung selbst ausbilden. "Wir brauchen einen offenen Gedankengang, vernetztes Denken, ein Über-den-Tellerrand sehen", meinte Mayr.
"IT läuft heute nebenbei, ich sehe das bei meinen zwei Töchtern. Man lernt damit umzugehen, es sind auch keine Exoten mehr. Es ist in jedem Beruf eine Notwendigkeit. Wir nehmen daher auch z.B. Physiker auf", stellte Christian Polster, Leiter Infrastruktur und Betrieb für Österreich und Osteuropa bei Siemens IT Solutions and Services (SIS), ganz ähnlich fest. Das Image der IT-Branche sei derzeit nicht gerade attraktiv und eher im "Bluecolour"-Feld angesiedelt. Die Krise der Branche und die vielen Entlassungen in den Jahren 2000 bis 2003 haben sicher auch einiges dazu beigetragen, junge Leute abzuschrecken.
"Um aus dem Image-Tief heraus zu kommen, muss es uns gelingen, einen Mix an Hardcore-Technologien und Kreativ-Wirtschaft zu verkaufen", schlug Max Höfferer, PR-Leiter bei BEKO Informatik, vor. Leider fehle auch die Akzeptanz in der Politik, "Es fehlt ein Dach, sei es ein Staatsekretariat oder ein Ministerium", fügte Höfferer hinzu. Er kritisierte zudem ein IT-Ausbildungs-Überangebot: "Allein in Wien gibt es sechs Möglichkeiten für Wirtschaftsinformatik, das ist zu viel", meinte Höfferer. Dieter Schoon, Personalleiter vom SAP-Dienstlester itelligence zeigte sich skeptisch: "Ich habe das Gefühl, wenn etwas über die Politik publik gemacht wird, dann ist das für die Jugend eher out." "Die Politik kann zwei Dinge: Sie kann Nachfrage erzeugen, das ist die Idee des IKT-Masterplans, man kann aber auch Projekte starten. Und sie kann zum Beispiel für geeignete Lehrpläne sorgen beziehungsweise diese entrümpeln. Wenn man gute Ausbildung etwa an den HTLs haben will, muss man sie auch dementsprechend bezahlen", stellte Michael Würzelberger vom Raiffeisen Informatik Zentrum fest.
Kritik am IT-Bildungssystem
"Für mich stellt sich die Frage: Was werden wir in der IT-Branche 2011 brauchen?", meinte Walter Goldenits, Bereichsleiter IT bei der mobilkom. Er teilte die Branche in zwei Cluster. Sogenannte Whitecolour-Kräfte wie ein Projektleiter oder Business Analyst und Bluecolour-Jobs wie ein Systemadministrator, ein Java-Programmierer.
"Die Funktionen, die wir brauchen, werden aber kaum ausgebildet", kritisierte Goldenits. Die TU-Absolventen wären enorm praxisfern. Die FHs kreieren eine hohe Erwartungshaltung bei ihren Absolventen, sodass es Probleme bereite, sie in die Firma zu integrieren. Denen müsse man erst einmal vermitteln, "bevor ihr Generaldirektor werdet, arbeitet bitte mal ein Jahr lang", bewies Goldenits Humor. "Bei den HTLern habe ich den Eindruck: Die Guten werden uns nicht bleiben, sondern die gehen dann weiterstudieren", zog Goldenits eine ernüchternde Bilanz. "Es ist sicher auch ein hausgemachter Mangel", meinte Dieter Schoon. "Es ist daher eine unserer wichtigsten Aufgaben, eine Vernetzung zur Lehre zu schaffen", so seine Schlussfolgerung.
"Ich habe das Gefühl, IT und die IT-Trends werden auch von den Ausbildungsstätten nur schwer verstanden", nahm Christian Hauser, Personalleiter bei ACP, den Faden auf. Bei einem ACP-Vortrag auf einer HTL vor kurzem hätten die Lehrer gesagt: "Wir haben vieles so noch nicht gehört", berichtete Hauser über seine Erfahrungen. "Der Brückenschlag Wirtschaft - Bildungswesen gehört auf alle Fälle forciert", fasste er zusammen. "Wir müssen auch die Motivation und den emotionalen Zugang zu unserer Branche selbst verbessern", nahm Harald Leitenmüller, Mitglied der Geschäftsleitung bei Microsoft Österreich, die Unternehmen in die Pflicht. "Es gibt einen Minderwertigkeitskomplex aller Beteiligten", stellte Leitenmüller fest.
"Das Problem beginnt ja schon früher, nämlich dann, wenn sich jemand für eine Ausbildung entscheidet", lenkte Michael Würzelberger, Personalleiter bei Raiffeisen Informatik, die Aufmerksamkeit auf eine Stufe davor: auf die Schüler. Er propagierte eine "mädchenfreundliche Mathematik in der Unterstufe". Zweiter Punkt Würzelbergers: Ein Technik-Studium ohne Wirtschaftswissen ist eine verschenkte Chance. Drittens: Die IT-Lehre als Alternative zur Schule. "Komplexe IT-Ausbildung in einer Lehre vermitteln zu wollen, ist allerdings nicht ganz einfach". Eine Alternative wären die Berufsakademien wie in Deutschland, "ich nenne das akademische Lehre", schlug Würzelberger dieses Modell auch für Österreich vor. "Bei den Schülern ist es sicher auch wichtig, die Eltern anzusprechen, damit die Eltern erkennen: Das ist eine Lebensperspektive als IT-Techniker oder in der IT-Wirtschaft", fügte Dieter Schoon hinzu.
"Sind unsere Ausbildungsstätten wirklich dynamisch genug oder unterrichten wir noch immer nach altem theresianischem Modell?", stellte Alfed Wiktoin, verantwortlich für Weiterbildung bei IBM, eine Frage in den Raum. IBM beschäftigt Absolventen aller IT-Ausbildungs-Optionen, von der Universität bis hin zum IT-Lehrling. "Man müsste einfach heute schon analysieren, was man in drei bis fünf Jahren benötigt", stellte Wiktorin pragmatisch fest. Jedes Unternehmen könne sehr wohl aktiv zur Ausbildung beitragen. "Wir haben einige Führungskräfte, die via Lehrauftrag sowohl an Universitäten als auch FHs unterrichten", führte Christian Hauser von ACP aus.





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Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 
